Urbino – Palazzo Ducale und Dom, Marken, Italien

Die "Marca Trevigiana" und das Prosecco-Weingebiet

Italien, Veneto, Venezien, im Prosecco-Weingebiet.
Blick über Weingärten im Prosecco-Gebiet nach Westen in die venezianische Tiefebene. Fotograf: daniFAB, London (pixabay.com).

Ich fahre in das nördliche Veneto – die Alpen begleiten mich bereits, und ich will noch einmal auf sie zufahren. So komme ich in die mehrere Kilometer lange Stadt Vittorio Veneto – eine aus zwei Orten im Jahr 1866 entstandene Stadt, benannt zu Ehren des Königs von Italien, Vittorio Emanuele II. Ihr leicht alternder Flair, ihre Atmosphäre – eine Mischung aus Alpen, Flachland und Italien – und ein Tizian-Gemälde in der Pfarrkirche sind mir immer einen Stopp wert.

Gleich hinter Vittorio Veneto nehme ich wieder eine kleine Straße. Sie führt mich an einem kleinen See entlang. Das Castello Brandolini thront über dem Tal. Follina liegt vor mir, wo Mitte des 19. Jahrhunderts noch über tausend Arbeiter jährlich bis zu 200 000 Kilogramm Seide verarbeiteten. Mitten im Ort steht das Romantik-Hotel Abbazia, ein kleines, sehr stimmungsvolles Hotel. Von außen wirkt es unscheinbar – aber innen! Und gegenüber befindet sich der eigentliche Anziehungspunkt des heutigen Follina: die Abtei. Im 12. Jahrhundert erbaut, durchlebte sie eine bewegte Geschichte und lädt heute als kraftvoller Ort der Ruhe mitten im Dorf zur inneren Einkehr ein. Durch einen kleinen Garten gelange ich zur Tür des Kreuzgangs, das Kirchenschiff voraus.

Noch besinnlich und nachdenklich steige ich wieder ins Auto – die Reise führt mich nun in das Weinbaugebiet, aus dem der perlende Wein Prosecco stammt. Gleich bei Follina beginnt es. In dieser romantischen Hügellandschaft geht es hügelauf und hügelab, durch kleine Weindörfer entlang der „Strada del Vino Prosecco“.

Valdobbiadene, das Zentrum der Weinproduktion, liegt am einen Ende dieser Landschaft, die wie aus einer anderen Welt zu stammen scheint, Conegliano am anderen.

Von Conegliano bis nach Valdobbiadene, von der Hügellandschaft des Montello bis zum Vorgebirge der Alpen, erstreckt sich eine romantische Landschaft aus Hügeln und Weingärten. Friedlich wirkt es heute – doch das war nicht immer so. Im Ersten Weltkrieg tobten hier entlang der Piave grausame Schlachten, an die noch zahlreiche Beinhäuser, Monumente und Gedenkstätten erinnern.

Hier befindet sich auch das Weinbaugebiet des Cartizze und des „Prosecco“ – auf einer Fläche von rund 3 000 Hektar werden hier jährlich etwa 250 000 Hektoliter Prosecco gekeltert. Von der über Conegliano gelegenen Burg hat man einen wunderschönen Blick auf die Hügellandschaft, die von der „Strada del Prosecco“, der Prosecco-Weinstraße, durchzogen wird: Schlösser, kleine Abteien und Kirchen (San Pietro in Feletto!), uralte Mühlen (bei Refrontolo) und dazwischen Weingärten, Weinkeller und Restaurants. Durch diese Landschaft führt Ihre Reise – vielleicht endet sie bei einem Weinbauern, zum Beispiel in der Kellerei Canel.

Bei Conegliano verlassen wir diese herrliche Landschaft und fahren Richtung Treviso. Unterwegs kommen wir an einer weltberühmten Firma vorbei: Mitte der sechziger Jahre begann hier Luciano Benetton, die von seiner Schwester handgestrickten bunten Pullover zu verkaufen. Heute ist sein Unternehmen weltweit tätig. Übrigens: Auch die Jeansfirma Diesel, der größte Brillenhersteller der Welt, Luxottica, sowie die Skifirma Nordica haben ihre Stammhäuser hier im nördlichen Veneto, in der Provinz Treviso.

Wir erreichen Treviso, wo wir zum Beispiel bei Gianni Garatti im Hotel Al Fogher absteigen können. Es liegt zwar nicht ganz im Stadtzentrum, aber zu Fuß ist man in etwa einer halben Stunde mitten in der Altstadt. Zudem eignet es sich hervorragend für Ausflüge in die Umgebung.

Italien, Veneto, Venezien, der Sile entlang der Stadtbefestigung von Treviso.
Der Sile entlang der Stadtbefestigung von Treviso.

Treviso – Stadt der Kanäle. Entlang der alten venezianischen Stadtmauern fließt der Sile, der längste italienische Karstfluss. Seine zahlreichen Flussarme und Kanäle durchziehen den gesamten Stadtkern und geben der Stadt ihr malerisches Gepräge: Häuser, die direkt über dem Wasser gebaut sind; mit Fresken bemalte Fassaden; Trauerweiden, die ihre Zweige dem Wasser entgegenstrecken; fürstliche Paläste entlang der Uferpromenade. Treviso besitzt keine einzelnen monumentalen Bauwerke – ihr Reiz liegt im Zusammenspiel von Wasser, Natur und mittelalterlicher Architektur.

Die Haupteinkaufsstraße, die Via Calmaggiore, folgt der Trasse der alten Römerstraße. Über sie gelangt man zum Hauptplatz, der Piazza dei Signori. Hier trifft sich die Trevisaner Bevölkerung zu einem kleinen Schwatz, trinkt ein Glas Wein oder nimmt in einem der vielen Cafés Platz. Im Palazzo dei Trecento tagte zur Zeit der unabhängigen Stadtregierung die Versammlung der 300 Räte. Auf der kleinen Insel Piazza della Peschiera findet täglich der Fischmarkt statt. Ein wunderschöner Spaziergang führt auch über den nördlichen Teil der Stadtmauern. Beeindruckend sind die Dominikanerkirche San Nicolò und die Franziskanerkirche.

Samstag und Dienstag ist Markttag! Wieder kaufe ich ein paar nützliche Dinge ein: Handschuhe mit Hasenfell gefüttert – für den Winter in Österreich. Leichte Sommerschuhe, nicht regenbeständig (wozu auch, wenn es im Sommer in Italien sowieso nicht regnet – aber ein paar Hundert Euro günstiger sind sie hier). Ein Gläschen in dem rustikalen Lokal an der Porta San Tommaso, wo es so schmackhafte kleine Imbisse gibt. Dann noch ein Bummel durch die Stadt, die durch ihre vielen Wasserläufe immer wieder romantische Winkel bietet. Ein innerer Halt in einer der vielen uralten Kirchen. Schließlich aber wieder hinaus in die Umgebung.

Mein Weg führt mich in das Gebiet der Villen, nach Castelfranco, Asolo, zur Villa Maser und über Montebelluna in das Gebiet der Pedemontana – das Land „zu Füßen der Berge“.

Italien, Veneto, Venezien, die Abtei von Follina.
Die Abtei von Follina.

Ich folge von Treviso dem Oberlauf des Sile entlang. Ein einzigartiges Gebiet, das mit seinen Quelltümpeln und der typischen Sumpfflora auch einen geheimnisvollen Charakter zeigt. Man sieht Quinto di Treviso mit seinen Seen und Mühlen, den alten Marktplatz von Badoere, die Villa Corner, und schließlich erreiche ich Castelfranco.

Castelfranco, eine Stadt, die vollständig von einer 17 Meter hohen Mauer aus dem Mittelalter umgeben ist, war einst die „Grenzfestung“ von Treviso. Ihr berühmtester Bürger war der Maler Giorgione. Eines seiner wenigen erhaltenen Werke befindet sich in einer Seitenkapelle des Domes. Auch sein Wohnhaus ist erhalten geblieben.

In der Ferne erkenne ich bereits die anmutige Hügellandschaft um Asolo. In Riese Pio X steht das bescheidene Geburtshaus von Don Giuseppe Sarto, dem später heiliggesprochenen Papst Pius X. Bei San Vito di Altivole liegt der sogenannte Friedhof Brion – ein architektonisch außergewöhnlicher Ort, der an japanische und islamische Formen erinnert und für Freunde der Moderne ein Muss ist.

Italien, Veneto, Venezien, Villa Maser in der Nähe von Asolo, eines der Meisterwerke des vicentinischen Baumeisters Andrea Palladio
Die Villa Maser in der Nähe von Asolo, eines der Meisterwerke des vicentinischen Baumeisters Andrea Palladio.

Am Horizont taucht nun das idyllisch gelegene Städtchen Asolo auf. Diese Landschaft zwischen Castelfranco und Asolo könnte als Inbegriff ursprünglicher italienischer Kultur gelten: das weite, sich nach Süden öffnende Land, die grünen Hügel, der darüber strahlend blaue Himmel, im Hintergrund die ersten Bergketten – alles wirkt wie ein kleines Stück Paradies. Caterina Cornaro, Königin von Zypern, lebte hier ebenso wie die „göttliche“ Eleonora Duse, Freundin D’Annunzios und berühmte Schauspielerin des späten 19. Jahrhunderts. Neben der Burg und den Villen beeindrucken die Laubengänge mit ihren Geschäften und Restaurants. Eines der führenden italienischen Hotels, die Villa Cipriani, liegt in einem prachtvollen Park mit traumhaftem Blick über die venezianische Landschaft. Ruhe, Beschaulichkeit, kulinarische Einkehrorte und herrliche Natur prägen Asolo. Wer etwas günstiger wohnen möchte, findet ein Zimmer mit Blick über den Hauptplatz und die Ebene im 4‑Sterne‑Hotel „Al Sole“.

Hier werde ich sicherlich auch eine Mittagspause verbringen. Die Enoteca ist bis 12 Uhr geöffnet. Doch nur eine kurze Fahrt entlang der Hügel trennt mich von der Villa Maser. Diese Villa wurde vom berühmten

Italien, Veneto, Venezien, die Ponte degli Alpini in Bassano del Grappa über die Brenta.
Die „Ponte degli Alpini“ in Bassano del Grappa über die Brenta.
Renaissancebaumeister Andrea Palladio für den Patriarchen von Venedig, Daniele Barbaro, erbaut. Die heiteren Allegorien von Paolo Veronese schmücken das gesamte Hauptgeschoss dieser anspruchsvollen Wohnstätte. Die zu jeder Villa gehörende Kapelle, der Tempietto, liegt außerhalb des Parks. Die Villa ist Dienstag, Donnerstag und Samstag jeweils nachmittags geöffnet (Eintritt ca. 7 Euro). Ansonsten: lange klingeln, wenn man ein paar Freunde dabei hat – vielleicht hat die Signora Erbarmen und öffnet auch wochentags.

Was fehlt noch bei unserer gemütlichen Tour durch Oberitalien? Viel – ich müsste ein Buch schreiben: Bassano del Grappa mit der „Ponte degli Alpini“ und dem 4‑Sterne‑Hotel mit Haubenlokal; Marostica – die Stadt des „lebenden Schachspiels“; Vicenza – die „Goldstadt“ und Heimat Andrea Palladios; die Sette Comuni mit ihrem altbairischen Dialekt; die kleine Welt der Euganeischen Hügel; der Fischmarkt in Chioggia – ein weiteres „Klein‑Venedig“; Valeggio sul Mincio – schon fast an der lombardischen Grenze; und, und, und.

Nein, diese Reise klingt bei meinem Freund, dem Sommelier, aus. Er hat ein Lokal irgendwo da draußen an einer Straße – wo? Das verrate ich euch nicht, denn ein paar Geheimnisse möchte ich mir schon noch bewahren!