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Acqua Alta – Leben mit dem Hochwasser in der Lagune von Venedig

„Acqua Alta“ hallt es durch Venedig …

Historische Aufnahme von Hochwasser in Venedig
Historische Aufnahme von Hochwasser in Venedig

Am 1. Dezember 2008 erreichte der Hochwasserpegel in Venedig historische 156 Zentimeter – nur 1986 war er um zwei Zentimeter höher. Dazwischen lagen mehrere Hochwasserrekorde; in den Jahren davor gab es im Schnitt rund fünfzig Mal pro Jahr Hochwasseralarm in der Lagunenstadt. Doch am 1. Dezember 2008 standen die Menschen hüfthoch im Wasser – die sonst üblichen Hochwasserstege halfen nicht mehr. Es sei die zehntschlimmste Flut der letzten hundert Jahre, meinte damals Giancarlo Galan, Präsident der Region Veneto. Er kritisierte auch, dass das zuständige Meeresinstitut die Flut erst weniger als zwei Stunden vorher korrekt prognostiziert hatte. Normalerweise ertönen bereits vier Stunden vorher sechzehn Sirenen im gesamten Stadtgebiet.

Doch der Reihe nach.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Meeresspiegel in der Lagune um rund dreißig Zentimeter gestiegen, jährlich kommen im Durchschnitt einige Millimeter hinzu. 1925 gab es „nur“ sieben Mal Acqua Alta, 2002 waren es bereits 93 Tage, an denen Teile der Stadt überflutet wurden. Der höchste jemals gemessene Wasserstand betrug 1,94 Meter und wurde am 4. November 1966 erreicht.

Die Gründe

Schon im Mittelalter erkannten die Venezianer die Gefahr des Hochwassers. Am 10. August 1410 ließ eine Flut Häuser und Kirchen einstürzen. Die Flüsse Brenta und Sile, die damals direkt in die Lagune mündeten, wurden umgeleitet, um unkontrollierte Wassermassen zu verhindern. Die Lagune war damals nur wenige Meter tief, die Öffnungen zum Meer schmal und nicht ausgebaggert.

Mit der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert änderte sich dies grundlegend. Raffinerien und Industrieanlagen entstanden in Mestre, und um große Schiffe in die Häfen zu bringen, mussten die Fahrrinnen erheblich vertieft werden.

Grund Nr. 1: Durch die Vertiefung der Einfahrten kann der Scirocco, ein heißer Südwind aus Nordafrika, heute deutlich mehr Wasser in die Lagune drücken als früher.

Grund Nr. 2: Das stärkere Einströmen des Wassers erhöht die Strömungsgeschwindigkeit und damit die Erosion. Die Holzpfähle, auf denen Venedig steht, werden stärker ausgespült, was das Absinken der Fundamente beschleunigt.

Zusammen mit dem natürlichen Zufluss der Flüsse und Bäche führt dies unter bestimmten Wetterlagen immer häufiger zu hohen „Acque Alte“.

Möglichkeiten der Abhilfe

Das bekannteste Projekt ist Mo.S.E. – Modulo Sperimentale Elettromeccanico. Es besteht aus 78 beweglichen Fluttoren an den drei Laguneneinfahrten, die bei drohendem Hochwasser mit Druckluft aufgerichtet werden und die Lagune vom Meer trennen. Die Tore liegen normalerweise flach am Lagunenboden und können innerhalb einer Stunde aktiviert werden.

Nach jahrzehntelanger Planung und Bauzeit ist Mo.S.E. seit Oktober 2020 in Betrieb. Die Kosten beliefen sich auf mehrere Milliarden Euro. Der laufende Betrieb verursacht jährlich hohe Wartungskosten, doch das System hat sich bereits mehrfach bewährt und verhindert heute regelmäßig schwere Überflutungen.

Ein zweites Projekt, „Rialto“ genannt, sah vor, Gebäude durch hydraulische Pfosten langsam anzuheben, um das Absinken zu kompensieren. Diese Methode wäre jedoch extrem teuer gewesen und wurde nie großflächig umgesetzt.

Probleme

Auch Mo.S.E. bringt Herausforderungen mit sich. Wird die Lagune über längere Zeit vom Meer getrennt, findet kein natürlicher Wasseraustausch statt. Verschmutzungen aus Haushalten und Industrie können sich dann stärker konzentrieren. Die Lagune ist seit Jahrzehnten belastet; große Mengen Schadstoffe wurden bereits aus dem Sediment entfernt, doch das ökologische Gleichgewicht bleibt empfindlich.

Ein weiteres Problem stellten lange Zeit die Kreuzfahrtschiffe dar, deren Wellen die Holzpfähle der Stadt beschädigten. Seit 2021 dürfen große Schiffe nicht mehr durch das Bacino San Marco fahren, was die Belastung deutlich reduziert hat.

Wer mehr über das Leben in Venedig erfahren möchte, findet zahlreiche aktuelle Informationsquellen online – Blogs, Stadtportale und wissenschaftliche Seiten bieten vielfältige Einblicke.

Mittlerweile ist Mo.S.E. in Betrieb: Seit einigen Jahren heben sich die gewaltigen Fluttore bei drohendem Hochwasser und bewahren Venedig vor Überflutungen – ein technisches Großprojekt, das heute zum Alltag der Lagune gehört (Stand März 2025).