Brescia – Italiens Vielfalt in einer Stadt (Juni 2010)
Brescia? Man spricht es [brescha] aus. Brescia? Ja, doch – wenn man vom Gardasee nach Mailand fährt, ich erinnere mich, da war eine Ausfahrt, die so hieß. Wenn Sie daran vorbeigefahren sind, haben Sie ein gutes Stück Italien versäumt. Also unbedingt bei Ihrer nächsten Reise einen Aufenthalt in dieser so typisch italienischen Stadt einplanen!
Brescia, die rund 200 000 Einwohner zählende Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, empfing mich in den modernen Außenbezirken mit prachtvollen Blumenarrangements in den Kreisverkehren. Je näher ich der Altstadt kam, desto älter wurden die Gebäude, bis mich mein Taxi in einer verwinkelten Altstadtstraße aussteigen ließ. Er käme heute nicht bis zum Hotel an der „Piazza Paolo VI.“ inmitten der Altstadt, meinte der Taxifahrer, da eine Veranstaltung die Zufahrt unmöglich mache. Doch ich gehe gerne durch alte italienische Städte – und so ging ich die paar Meter zu Fuß zum Drei‑Sterne‑Hotel „Albergo Orologio“ (im Internet).
Wohnen in Brescia
Wer einen Aufenthalt in Brescia plant, ist in diesem Haus gerade richtig. Zuvorkommendes Personal, gutes Frühstück, 16 gut ausgestattete Zimmer inklusive Klimaanlage und eine absolut zentrale Lage – alles, was man für einen Stadtaufenthalt braucht. Koffer aufs Zimmer und los ging meine Besichtigungstour mitten im Herzen der ehemaligen Langobardenstadt Brescia.
Aber Brescia ist mehr als nur Start- und Ziel eines der legendärsten Automobilrennen Europas. Freilich, weltbewegende, atemberaubende Monumente kann die Stadt nicht bieten – dafür aber viel ursprüngliches Italien. Die „Piazza della Loggia“ mit dem venezianischen „Palazzo della Loggia“ bietet Blicke auf den Uhrturm mit astronomischer Uhr, auf den blumenbewachsenen kleineren Turm der Porta Bruciata, einst Stadttor nach Mailand, und in das abendliche fare una passeggiata – das Flanieren, das die Italiener so lieben.
Etwas südlich dieses Platzes befindet sich die „Piazza Vittoria“, wo jedes Jahr die Mille Miglia beginnt; östlich davon die bereits erwähnte „Piazza Paolo VI.“ mit der romanischen Rundbau‑Basilika Santa Maria Maggiore aus dem 11. Jahrhundert, der ersten Kathedrale der Stadt, sowie dem barocken Dom, 1604 begonnen, und dem „Palazzo del Broletto“, dem im 12. Jahrhundert errichteten Sitz der Stadtverwaltung. Schlendert man durch die romantischen Gassen nach Osten, kommt man zunächst an der katholischen Universität, der Kirche San Clemente (Ende 14. Jahrhundert) und dem römischen Forum vorbei, bis man schließlich beim Klosterkomplex von Santa Giulia anlangt.
Brescia soll UNESCO‑Weltkulturerbe werden
Die Stadt Brescia hatte sich 2010 zusammen mit den Städten Benevento (Kampanien), Spoleto und Campello sul Clitunno (beide Umbrien), Monte Sant’Angelo (Apulien), Cividale del Friuli (Friaul‑Julisch Venetien) und Castelseprio (Lombardei) als UNESCO‑Weltkulturerbe beworben – mit dem gemeinsamen Thema: die Zeit der Langobarden. Dies erzählte mir Armando Pederzoli vom Tourismusbüro Brescia bei einem Cappuccino. Brescia lag im Zentrum der Herrschaft dieses nordeuropäischen Volkes, das in Italien von Mitte des 6. bis etwa Ende des 8. Jahrhunderts regierte.
Die zwischen Mailand und Verona, zwischen Iseo‑ und Gardasee gelegene Stadt eröffnete 1998 den Museumskomplex im ehemaligen Benediktinerinnenkloster Santa Giulia. Damit begann – wie Herr Pederzoli erläuterte – die zarte Pflanze des Städtetourismus zu erblühen. Besonders stolz ist die Stadt auf eine Reihe von Ausstellungen, die in Santa Giulia seither stattgefunden haben und weiterhin stattfinden.
Von Dezember 2009 bis Ende Juni 2010 gab es in einem Teil des weitläufigen Museumsgeländes eine interessante Ausstellung über die Inka in Südamerika. Diese technisch perfekt gestaltete Schau konnte mich jedoch nicht so fesseln wie die eigentlichen Ausstellungsräume über die Geschichte des Klosters und der Stadt. Eine selten gezeigte Darstellung der Kreuzigung einer Frau – der hl. Julia –, drei römische Villen mit einer frühen Form der Zentralheizung und vor allem der vollständig mit Fresken verzierte Betsaal der Benediktinerinnen über der Kirche San Salvatore ließen mich zweimal durch die Hallen gehen.
Ich verabschiede mich von Herrn Pederzoli, der sich – wie viele in dieser Stadt – auf seinen Drahtesel schwingt und im Gewirr der zur Fußgängerzone erklärten Gassen der Altstadt entschwindet. Apropos Altstadt: Da wäre zum Beispiel noch die alte Via Faustino, die sich in schlängelnder Form vom Zentrum nach Westen windet; die Kirche San Francesco d’Assisi aus dem 13. Jahrhundert oder die alte Burg, die im Norden über der Altstadt thront.
Auch Neuzeitliches bietet die Stadt. Da wäre das „Il Teatro Grande“ zu nennen, das eigentlich „Teatro Il Grande“ heißen hätte sollen. Um 1800 sollte es zu Ehren des Großen – il Grande – Napoléon I., der einen Umbau durch seine persönliche Anwesenheit einweihen hätte sollen, „Il Grande Teatro“ heißen. Er kam jedoch nicht. Aus Ärger darüber stellten die Bürger der Stadt das „il“ einfach an eine andere Stelle – und so heißt das Theater nun nicht „Theater des Großen“, sondern „Das große Theater“. Warum in der Kaiserloge die Stühle Nr. 14 und 15 in der ersten Reihe standen und Nr. 1 und 2 ganz hinten, erzähle ich Euch in einer eigenen Geschichte über das Theater.
Gut Essen in Brescia
Bene, bei so viel Geschichte braucht es auch ein paar Tipps für Leib und Seele: Im „Ristorante al Fontanone“, „zum großen Brunnen“, nahe des Museumskomplexes Santa Giulia, lässt sich hervorragend speisen – oder aber im „Ristorante Lo Scultore“ (im Internet); beides kleine, überschaubare Lokale mit ausgezeichneter Küche. Wer an einem lauen Abend lieber im Freien speisen möchte, dem kann ich die „Pizzeria al Teatro“ empfehlen, die gegenüber des Lokales einen netten Terrassengarten hat. Das „Pane Arabo“, arabisches Fladenbrot, gefüllt mit verschiedenen Gemüsen oder Fleisch, hatte es mir dabei besonders angetan. (Diese Daten stammen aus dem Jahr 2010.)
Theaterbesuch
Bevor ich diese liebenswerte Ecke Italiens für dieses Mal wieder verließ, lauschte ich noch im „Il Teatro Grande“ einem Konzert des „Dohnányi Orchestra Budafok“ unter der Leitung des Dirigenten Umberto Benedetti Michelangeli, dem Enkel des großen Sohns der Stadt, des Starpianisten Arturo Benedetti Michelangeli (*1920, †1995). Besonders begeisterte mich die Symphonie Nr. 6, die „Pastorale“, von Ludwig van Beethoven. In Brescia findet übrigens jedes Jahr ein internationales Klavierfestival statt (im Internet).