Il Vittoriale degli Italiani, skurriles Monument eines Phantasten
Gardasee, Westufer, Gardone, Villen – der Besucher fährt fast am Seeufer entlang und bemerkt kaum, dass sich oberhalb weitläufige Parks und Gärten die Hänge hinaufziehen, in denen Villen, kleine Paläste und repräsentative Wohnsitze stehen. Eine dieser Villen besuchte ich bei meinem Aufenthalt im Juni 2010 zum ersten Mal.
„Ich habe, was ich gegeben habe“
Mit dem Spruch „Ich habe, was ich gegeben habe“, der in lateinischer Sprache gleich beim Eingang zu dem neun Hektar großen Grundstück prangt, hatte sich Gabriele d’Annunzio noch zu Lebzeiten unsterblich machen wollen. Er schenkte dem Staat sein Anwesen, damit es nach seinem Tode weiterlebe.
An einem Hang oberhalb des Westufers des Gardasees in Gardone Riviera liegt dieser Park mit Villa, Mausoleum, Theater, Kriegsmuseum und dem Bug des Kriegsschiffes „Puglia“. Dieses Anwesen mietete d’Annunzio 1921 und blieb darin bis zu seinem Tod am 1. März 1938. Es war die ehemalige Villa des Kunsthistorikers Henry Thode, der nach dem Ersten Weltkrieg enteignet wurde und dessen Besitz dem italienischen Staat zufiel.
Ich schreite durch den Eingangsbogen und biege noch vor der Villa nach rechts zum Theater ab. Es liegt in herrlicher Panoramalage mit Blick auf den Gardasee. Im Sommer finden hier Freiluftveranstaltungen und Konzerte statt. Das muss ein wunderbares Erlebnis sein, wenn abends an den Seeufern die Lichter schimmern, am Horizont die Lichter auf der Halbinsel Sirmione wie Sterne funkeln und im Theater die Musik von Mozart oder Verdi erklingt.
Zwei Wartezimmer, eine tote Schildkröte am Esszimmertisch
Dann erreiche ich den großen Vorhof der Villa. Links, in einem verglasten Raum, steht ein FIAT Typ 4. Mit diesem Wagen fuhr d’Annunzio 1919 nach Fiume, dem heutigen Rijeka, um es 15 Monate lang mit einer Gruppe von Freischärlern zu besetzen. Der Besuch der Villa ist nur ohne Taschen und ohne Fotoapparat gestattet. Beides kann man in kostenlosen Stahlschränkchen versperren, wobei mich die Verriegelung nicht überzeugte – Wertsachen also lieber im Hotel lassen.
Die Räume in der Villa sind ein skurriles Sammelsurium von d’Annunzio: Die Eingangstreppe wird durch ein Geländer in zwei Aufgänge geteilt – links geht es in das Wartezimmer für unerbetene Gäste, rechts in jenes für geschätzte Besucher. Der Rundgang führt weiter in düstere Zimmer mit geschlossenen Vorhängen, in ein Badezimmer, in dem die Farbe Blau vorherrscht – angeblich mit mehr als sechshundert Utensilien –, in die Bibliothek, in der auch noch alle Bücher des Vorbesitzers Henry Thode stehen, und in den Speisesaal für seine Gäste, „La Cheli“.
Dort ruht links neben der Tafel auf einem eigenen Tisch eine Riesenschildkröte: d’Annunzio hatte sie einst in seinen Park geholt, wo sie jedoch giftige Pflanzen fraß und daran starb. Nun steht eine bronzene Nachbildung des Tieres im Originalpanzer am Tisch – als Warnung an die Gäste des Hausherrn, nicht zu viel zu essen.
Und so geht es munter weiter. Im Arbeitszimmer d’Annunzios, dem einzigen halbwegs hellen Raum, steht eine halb zugedeckte Büste einer seiner Geliebten – Eleonora Duse, eine Schauspielerin seiner Zeit. Zugedeckt deshalb, damit er eine nicht sehende Zeugin seiner Arbeiten habe. Ein Reliquienzimmer, ein „Gemach der reinen Träume“, der Korrespondenzraum d’Annunzios, an dessen Eingang eine abgetrennte und abgehäutete Hand darauf verweist „erst abgeschnitten kommt sie zur Ruhe“, und andere Räume, vollgestopft mit allerlei Kram, Kuriosem und Unterhaltsamem, folgen.
Kriegsheld und Freischärler
Jetzt steige ich, kopfschüttelnd ob des Gesehenen, eine Treppe im Park zu kleinen Weihern und Wasserfällen hinauf. In einer Halle kann ich das U‑Boot‑Jägerboot MAS betrachten, mit dem es d’Annunzio am 10. Februar 1918 mit nur 30 Mann gelang, die Bucht von Bakar – damals fest in k.&k. Hand – zu erreichen. Am Umgang um das Schiff gibt es zahlreiche zeitgenössische Darstellungen von d’Annunzio und seinem Kriegs(helden)leben zu sehen.
Dann gehe ich zum Mausoleum, dem höchsten Punkt im Gelände. Hier liegt der Dichter, Kriegsheld, Phantast und Faschist Gabriele d’Annunzio in einem Sarkophag in der Mitte eines Rondeaus, an dessen Außenseite zehn weitere Sarkophage mit den sterblichen Überresten „Demütiger, Künstler und Helden“ stehen.
Es geht wieder durch eine Allee schattenspendender Bäume abwärts, zum Bug des Kriegsschiffes „Puglia“ aus dem Ersten Weltkrieg. d’Annunzio ließ es 1925 mit Blickrichtung Fiume, dem heutigen Rijeka, errichten. Von der „Puglia“ geht es wieder in Richtung Villa zurück – durch einen fast romantisch wirkenden Teil des Parks. Vier Terrassen mit unterschiedlichen Themen, mit symbolischen Monumenten und Denkmälern, durchwandere ich und finde viele Fotomotive. (Ausgenommen in der Villa selbst darf man überall fotografieren.)
Bevor ich das „Il Vittoriale degli Italiani“, das „Heldendenkmal der siegreichen Italiener“, verlasse, besuche ich noch das Kriegsmuseum. Hier kann man Zeitdokumente an den Wänden und auf einer Kinoleinwand sehen, vor allem aber eines: einen an der Decke des Saales hängenden Doppeldecker des Typs SVA, mit dem d’Annunzio am 9. August 1918 von Pelaggio bei Abano Terme gestartet war, nach Wien flog (!), dort Flugblätter abwarf („Gebt auf, ihr werdet doch den Krieg verlieren…“) und wieder zurückflog.
Es waren mehr als zwei Stunden Unterhaltung der anderen Art für mich. Ich habe schon viel gehört und gelesen über „Il Vittoriale“. Aber nach diesem ersten Besuch bin ich zwiegespalten: Ja, das musste ich sehen, ja, das müsst ihr euch auch anschauen – aber einmal reicht; oder doch nicht? Wenn ich wieder in der Gegend bin, schaue ich wohl nochmals vorbei. So viel Skurriles, so viel Theatralisches, so viel Heldentum gehört einfach beachtet!
Information
Il Vittoriale degli Italiani
25083 Gardone Riviera
www.vittoriale.it
ganzjährig geöffnet