Langobarden, Seen und Franciacorta: Brescia und ihre Provinz
Westliches Gardasee-Ufer
Die Wellen des Gardasees schlagen sanft an die befestigten Ufer im Garten des Vier‑Sterne‑ Grand Hotels Gardone Riviera in Gardone Riviera. Der Blick aus meinem Zimmer gleitet über den See, der im morgendlichen Juni‑Licht langsam die Schatten am Poolbereich verdrängt. Es war ein Österreicher, Alois „Luigi“ Wimmer, der sich 1870 hier am Westufer des Sees niederließ, Bürgermeister wurde und 1886 dieses Hotel eröffnete.
In der Hauptstadt Brescia
Das Westufer des Gardasees gehört zur Provinz Brescia in der Lombardei. Brescia ist eine 200 000 Einwohner zählende Stadt am nördlichen Rand der Poebene zwischen Verona und Mailand. Durch moderne Außenbezirke mit prachtvollen Blumenarrangements bei den Kreisverkehren erreicht man die Altstadt, die sich an den Cidneo‑Hügel schmiegt, der von einer Festung gekrönt ist. Brescia, das antike Brixia der Kelten, das Welsch‑Brixen, wie es früher genannt wurde, war ein Herzogssitz der Langobarden.
Mit dem Thema Langobarden bewarb sich Brescia 2010 gemeinsam mit Benevento, Spoleto, Campello sul Clitunno, Monte Sant’Angelo, Cividale del Friuli und Castelseprio als UNESCO‑Weltkulturerbe – wie Armando Pederzoli vom Tourismusbüro Brescia schildert. Anschließend schwingt er sich, wie viele in dieser Stadt, auf seinen Drahtesel und entschwindet im Gewirr der zur Fußgängerzone erklärten Gassen.
Apropos Altstadt: Das zentral gelegene Drei‑Sterne‑Hotel „Albergo Orologio“ mit 16 gut ausgestatteten Zimmern inklusive Klimaanlage liegt in einer Seitenstraße der „Piazza Paolo VI.“, dem Zentrum der Altstadt. Hier stehen der romanische Rundbau aus dem 11. Jahrhundert, die erste Kathedrale der Stadt, sowie der barocke Dom (1604 begonnen) und der „Palazzo del Broletto“, der im 12. Jahrhundert errichtete Sitz der Stadtverwaltung.
Die „Piazza della Loggia“, ebenfalls nur wenige Schritte vom Hotel entfernt, mit dem venezianischen „Palazzo della Loggia“, bietet Blicke auf den Uhrturm, auf einen blumenbewachsenen Balkon an einem alten Stadtmauerturm und in das abendliche fare una passeggiata – das Flanieren, das die Italiener so lieben.
Etwas südlich dieses Platzes befindet sich die „Piazza Vittoria“, wo jedes Jahr die „Mille Miglia“ beginnt. Dieses 1 000‑Meilen‑Rennen (1 600 km) nahm 1927 hier seinen Anfang, als vier Geschäftsleute die Idee hatten, von Brescia durch die Emilia‑Romagna, die Marken und Umbrien nach Rom und zurück durch die Toskana ein Automobilrennen zu veranstalten. Nach einem jähen Ende 1957, ausgelöst durch einen schweren Unfall, fand es 1977 eine Neuauflage als Oldtimer‑Gleichmäßigkeitsrennen. Etwa 360 Automobile nehmen seither jährlich teil – doppelt so viele bewerben sich um einen Startplatz.
Die alte Via Faustino schlängelt sich vom Zentrum nach Westen. Schlendert man nach Osten, kommt man an der katholischen Universität, der Kirche San Clemente (Ende 14. Jahrhundert) und dem römischen Forum vorbei, bis man schließlich beim Klosterkomplex Santa Giulia anlangt. Hier wurde ein modernes Museum zur Geschichte von Brescia eingerichtet – mit seltenen Darstellungen wie der Kreuzigung der hl. Christina, drei römischen Villen mit früher Zentralheizung und dem vollständig freskierten Betsaal der Benediktinerinnen über der Kirche San Salvatore.
Dann wäre das „Il Teatro Grande“ zu nennen, das eigentlich „Teatro Il Grande“ heißen hätte sollen. Um 1800 hätte es zu Ehren des Großen, il Grande Napoléon I., der einen Umbau durch seine persönliche Anwesenheit einweihen hätte sollen, „Il Grande Teatro“ heißen sollen. Er kam aber nicht. Und aus Ärger darüber stellten die Bürger der Stadt das „il“ einfach an eine andere Stelle – und so heißt das Theater nun nicht „Theater des Großen“, sondern „Das große Theater“. Darin findet u. a. das jährliche internationale Klavierfestival statt, bei dem auch Umberto Benedetti Michelangeli, der Enkel des großen Sohns der Stadt, des Starpianisten Arturo Benedetti Michelangeli (* 1920, † 1995), Konzerte dirigiert.
Restauranttipps in Brescia
Bene, nach so viel Geschichte braucht es aber auch ein paar Tipps für Leib und Seele: Im „Ristorante al Fontanone“, „zum großen Brunnen“, nahe des Museumskomplexes Santa Giulia, lässt sich hervorragend speisen – oder aber im „Ristorante Lo Scultore“; beides kleine, überschaubare Lokale mit ausgezeichneter Küche. Wer an einem lauen Abend lieber im Freien essen möchte, dem kann ich die „Pizzeria al Teatro“ empfehlen, die gegenüber des Lokales einen netten Terrassengarten hat. Das „Pane Arabo“, arabisches Fladenbrot, gefüllt mit verschiedenen Gemüsen und Fleisch, hatte es mir dabei besonders angetan.
Wein und Kultur in der Franciacorta
Westlich von Brescia befindet sich die Franciacorta, ein etwa 20 × 20 km großes Gebiet, das für seine Schaumweine weltberühmt ist. Beispielsweise produziert die Familie Barboglio in ihrer Weinkellerei „Il Mosnel“ in Camignone seit 1836 Schaumwein. Heute sind es sechs verschiedene Sorten, die aus Reben von 40 Hektar Weinbaufläche hergestellt werden.
Doch auch uralte Klöster und Schlösser verstecken sich in dieser leicht hügeligen Landschaft. 1080 erhielten die Mönche von Cluny den Ort nahe des heutigen Naturschutzgebiets Torbiere del Sebino vom ansässigen Besitzer geschenkt. Die Rede ist vom „Monastero di San Pietro in Lamosa“ bei Provaglio d’Iseo. Zwischen der Kirche mit einem Freskenzyklus aus dem 16. Jahrhundert und einer kleinen barocken Kapelle hat man einen schönen Blick auf das Naturschutzgebiet, das sich bis zum Südufer des Iseo‑Sees erstreckt.
Aber es gäbe noch viel in der Franciacorta zu entdecken: „La Santissima“, ein auf einem Hügel die Landschaft dominierendes Dominikanerkloster, das heute in Privatbesitz ist; die Wallfahrtskirche „Madonna della Rosa“; den „Maglio Averoldi“, einen Gesenkhammer aus dem Jahr 1080, ein Dokument der frühen Wirtschaftskraft dieser Region; oder die Abtei San Nicola, den bedeutendsten religiösen Gebäudekomplex der Franciacorta.
Zum Wohnen bieten sich einfache Gasthöfe ebenso an wie das Spitzenhotel „L’Albereta Resort“, in dessen Nähe sich ein 18/27‑Loch‑Golfplatz befindet. Eine ganz andere Art zu übernachten bietet der „Palazzo Torri“ in Nigoline di Corte Franca. Eine alte, aus Steinen angelegte und von Mauern gesäumte Straße führt zu dem das Schloss umgebenden Park. Antonio Pettolino, von Beruf Ehemann der Besitzerin und hervorragender Historiker, führt mich durch das Schloss, dessen ältester Teil 1565 errichtet wurde. Die alten Wohn‑ und Schlafräume (die auch vermietet werden) sind ein Eintauchen in Lebensstile des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Der Iseo-See und die Monte Isola
Die Franciacorta endet im Norden am Iseo‑See, dem Bindeglied zwischen der flachen Pianura, der Po‑Ebene, und den Alpen. Hier beginnen die Berge an Höhe zu gewinnen und erreichen in der Adamello‑Gruppe, im Norden der Provinz, über 3 000 m ü. A. Die Monte Isola, die größte Binnenseeinsel Europas, mit dem malerischen Fischerort Peschiera Maraglio, liegt im südlichen Teil des Sees. Nur wenige Minuten brauchen Schiffe von Sulzano an der schmalsten Stelle des Sees am Festland zur Insel.
Auf einer kleinen Insel südlich der Monte Isola kann man die Villa der Familie Beretta sehen. Beretta gehört zu den vier weltweit führenden Herstellern von Schusswaffen. Das Unternehmen ist im Tal „Val Trompia“ nördlich von Brescia beheimatet, das seit dem 16. Jahrhundert weltberühmt für seine Waffenherstellung ist.
Wer nicht in einem der zahlreichen Lokale auf der Monte Isola essen gehen möchte, kann dies auch am Festland tun. Zum Beispiel in der „Agriturismo Le Fontane“ in Sale Marasino – mit wunderbarem Blick auf den Iseo‑See, weil etwas oberhalb des Seeufers gelegen. Agriturismi sind landwirtschaftliche Betriebe, die ein eigenes Wirtshaus betreiben, in dem sie ihre eigenen Produkte anbieten.
Zurück an den Gardasee zu d'Annunzio und Heller
Die Stadt Brescia, die Franciacorta und der Iseo‑See können aber auch bequem in Tagesausflügen vom Gardasee aus entdeckt werden. Kehren wir also nach Gardone Riviera ins Grand Hotel Gardone zurück. Nach einem ausgiebigen Frühstück vom Buffet, das Sie auf der Terrasse des Hotels am Seeufer genießen können, sollten Sie sich das Verrückteste ansehen, was man sich am knapp 50 Kilometer langen Gardasee überhaupt ansehen kann: das „Il Vittoriale degli Italiani“, das Monument des italienischen Exzentrikers, Schriftstellers, Kriegshelden und Faschisten Gabriele d’Annunzio (* 1863, † 1938).
Auf einem riesigen Hanggelände oberhalb des Sees hatte er eine Villa mit 45 Räumen gemietet. Im Februar 1921 zog d’Annunzio hier ein und stopfte jeden Raum mit skurrilen Details voll. Schon der Eingangsbereich, der in der Mitte durch ein Geländer in zwei Bereiche geteilt ist, ist ein Kuriosum: links der Eingang für unerbetene Gäste, rechts jener für geschätzte Besucher.
Im Park ließ er den Bug eines Kriegsschiffes aus dem Ersten Weltkrieg mit Blickrichtung Fiume, dem heutigen Rijeka, erbauen – jenes Schiff, mit dem er 1919 die Stadt ein Jahr lang besetzt hielt. Und am höchsten Punkt des Parks thront sein Sarkophag, umgeben von Sarkophagen anderer „Helden“, wie er sie nannte.
Nicht weit vom Grand Hotel Gardone gibt es noch einen anderen Garten zu besichtigen: den „Giardino Botanico André Heller“, den der Künstler André Heller als eine Musterkollektion von Weltgegenden, einen Paradiesgarten, „in dem Pflanzen aller Erdteile gastieren“, bezeichnet.
Pizzeria Cá dei Manni
Vor der weitum bekannten Pizzeria Cá dei Manni in Villa di Salò, einige Kilometer südlich von Gardone Riviera, steht ein rot lackiertes englisches Taxi. Taxi‑Service für jene, die den Keller‑Genüssen des Hauses nicht widerstehen können, bietet Manrico Gorini, der Chef des Hauses, seinen Gästen.
Gestärkt durch die Gerichte der hervorragenden Küche und durch geistige Getränke aus der auf den Grundlagen des Anthroposophen Rudolf Steiner arbeitenden Weinkellerei „Cascina La Pertica“ in Polpenazze del Garda, können Sie sich nun überlegen, was Sie am Südufer des Gardasees noch entdecken möchten.
Inselhüpfen im See
Fünf Inseln gibt es im Gardasee, und nur eine davon ist bewohnt: die „Isola del Garda“. Sie ist in Privatbesitz, doch öffnet die Besitzerin nach Voranmeldung gerne ihren Palazzo für eine Besichtigung. Auf dem südwestlichen Teil der Insel befindet sich eine Art Naturschutzgebiet – ein Nistplatz für Reiher.
Die Halbinsel von Sirmione mit der Skaligerfestung war schon bei den Römern wegen ihres wohltuenden Klimas und der warmen Quellen, die im See entspringen, beliebt. Lässt man die Altstadt von Sirmione hinter sich, breiten sich Palazzi aus, umgeben von prächtigen Parks. In einer Villa, die derzeit zum Verkauf steht, wohnte von 1950 bis 1959 die unvergessene Opernsängerin, die Königin der italienischen Oper, Maria Callas.
Ihrer Villa gegenüber liegt das Fünf‑Sterne‑„Palace Hotel Villa Cortine“. Für Touristen ist der Zugang zum Park nicht möglich. Wer jedoch als Gast dort wohnt, dem öffnet sich das schmiedeeiserne Tor und lässt ihn in eine Welt von Springbrunnen, Statuen und Blumen eintreten. Von außen wirkt das Hotel eher wie ein Sanatorium, hoch am Ende der Halbinsel gelegen. Erst 1957 errichtet, verbreitet es den Charme der Belle Époque der 1920er Jahre, wenn auch etwas überladen.
In seiner außergewöhnlichen Lage hoch über dem Gardasee bietet es 40 Superior‑ und acht Deluxe‑Zimmer sowie vier Junior‑ und zwei Suiten. Günstiger lässt es sich in Desenzano im entzückenden Drei‑Sterne‑Hotel „Piroscafo“ direkt am alten Hafen wohnen.
Und für den Ausklang des Tages schlage ich ein Restaurant mit einer Enoteca in einer Seitenstraße von Desenzano vor: das „Ristorante Corte Pozzi“. Oder Sie genießen im zum See offenen Restaurant des Grand Hotel Gardone ein exquisites Abendessen.
Jedenfalls sollten Sie Ihren nächsten Aufenthalt am Gardasee dazu nutzen, das westliche Hinterland, die Provinz Brescia, zu erkunden. Sie werden nicht enttäuscht werden!
Infoblock
Über Stadt und Provinz Brescia bekommt man Informationen unter:
bresciatourism
Piazza del Vescovato, 3
25121 Brescia
Email: info@bresciatourism.it
Internet: www.bresciatourism.it
Internationales Klavierfestival Brescia
Grand Hotel Gardone
Albergo Orologio, Brescia
L’Albereta Resort, Franciacorta
Weinkellerei "Il Mosnel" in Camignone
"Agriturismo Le Fontane" in Sale Marasino
Il Vittoriale, Gardone Riviera
Cà dei Manni, Villa di Salo
Palace Hotel Villa Cortine, Sirmione
"Ristorante Corte Pozzi", Desenzano