„Lernen S' Geschichte, Herr Reporter.“
Bruno Kreisky, österreichischer Politiker und Staatsmann

Allgemeine Bücher

Das große Buch der Päpste. Von Petrus bis Leo XIV.

Das große Buch der Päpste. Von Petrus bis Leo XIV.

Facetten- und detailreich, nicht ausufernd und doch interessant geschrieben

560 Seiten, 264 farbige Abbildungen, alle 267 Heiligen Väter porträtiert vom führenden Papsthistoriker im deutschen Sprachraum Josef Gelmi. "Es wird nichts schöngeredet ... die Reihe weist durchaus auch fragwürdige, umstrittene und zweifelhafte Gestalten auf", meint Autor Gelmi in seinem Vorwort.

Der erste römische Bischof, der unangenehm auffiel, war Viktor I. (189–199). Die berüchtigte Marozia im 9. Jahrhundert wurde u. a. "Mutter und Mörderin von Päpsten" genannt. Im 13. Jahrhundert stritten die Kardinäle in Viterbo um die Nachfolge von Papst Clemens IV. (1265–1268). Im zweiten Jahr der Wahl rissen die Behörden das Dach des Konklavegebäudes ab und setzten die Wähler auf Wasser und Brot. Erst 1271 einigten sie sich auf einen neuen Papst. Pius XII. (1939–1958), sein Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg und zur Judenverfolgung sowie viele andere geschichtliche Informationen finden sich im neuen Buch über alle Päpste.

Mit Innozenz III. (1198–1216) erreichte das Papsttum seinen absoluten Höhepunkt. Auf ihn geht der Titel "Stellvertreter Christi" zurück. Nach seinem Tod drangen Diebe in die Kirche ein, rissen dem Papst die kostbaren Gewänder vom Leib und ließen den Leichnam halbnackt zurück. Clemens XII. (1730–1740) war zur Zeit seiner Wahl bereits ein kränklicher Greis und regierte die meiste Zeit vom Bett aus. Nach seiner völligen Erblindung konnte er ohne fremde Hilfe nicht einmal mehr ein Schriftstück unterzeichnen.

Naturgemäß gibt es über die Päpste des ersten Jahrtausends nur jeweils ein paar Zeilen zu berichten. Doch bereits mit Johannes XII. (955–964) werden die Beschreibungen umfangreicher, und den Päpsten der Renaissance sind oft mehrere Seiten gewidmet. Der Autor schildert interessant aus dem Leben der Päpste; bei vielen gibt es besondere Abschnitte, wie etwa bei Pius VII. (1800–1823) über seine Papstwahl, seine Rückkehr nach Rom und seine Verhandlungen mit Napoleon. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts werden die Beschreibungen sehr ausführlich.

Das Buch ist bebildert mit Wappen der Päpste, Gemälden, Darstellungen in Kirchen, Grabdenkmälern und Fotografien. Gelmi schreibt gut lesbar und verliert sich nicht in Details, sodass auch Laien mit dem Buch gut zurechtkommen. Bei jedem Papst finden sich sein weltlicher Name, Geburtsort, Wahljahr, Sterbejahr und Begräbnisort. Es ist durchaus ein Geschichtsbuch. Ich blättere gerne darin, lese die eine oder andere Lebensgeschichte und finde immer wieder interessante, ja sogar spannende Details.

Autor Josef Gelmi, erschienen 2025 in der Tyrolia Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-7022-4102-5

gelesen im Juli 2025

Diebe Dirnen Dienstboten. Geschichten von Menschen am Rande.

Diebe Dirnen Dienstboten. Geschichten von Menschen am Rande.

Ein Buch mit vielen interessanten Details über Berufe und Tätigkeiten, die wir heute nur mehr vom Hörensagen kennen.

Hamann beleuchtet verschiedene Randgruppen aus dem Blickwinkel Wiens. Er beginnt seine Zeitreise im Mittelalter mit Bürgerspital und Lepraschau. Letzteres bedeutete für Erkrankte die völlige Separierung von der Gesellschaft. Die "Hübschlerinnen", wie Prostituierte im Spätmittelalter in Wien genannt wurden, waren damals durchaus angesehene Frauen. Der Scharfrichter wurde aus Steuereinnahmen der Frauenhäuser bezahlt. Seine grausige Tätigkeit und warum Scharfrichter auch Abdecker genannt wurden, beschreibt das nächste Kapitel.

Bettler gab es in Wien so viele, dass eigene Häuser für sie errichtet wurden – 500 und mehr Menschen lebten dort. Unglaublich brutal ging man während und nach den Türkenkriegen mit Gefangenen um: Sie waren Sklaven. Soldaten wurden immer gebraucht, starben doch in Schlachten Hunderttausende. Wie sie rekrutiert wurden, lebten und kämpfen mussten, erfährt der Leser ebenfalls.

Kinder und Frauen in der Textilindustrie der Zeit Maria Theresias bis ins Biedermeier vegetierten bei Hungerlöhnen und mangelnder Hygiene in Substandardwohnungen. Bandlkramer und Scherenschleifer aus dem Waldviertel waren ab dem 18. Jahrhundert ein gewohntes Bild. Köhler lebten einsam im Wald und starben dort oft ebenso einsam. Frauenarbeit zwischen Alpenromantik und bitterem Alltag beschreibt das Leben der Sennerinnen auf Almen.

Im Revolutionsjahr 1848 begann der Bau der Semmeringbahn, um Arbeitslosigkeit zu verringern. 20 000 Menschen aus allen Teilen der Monarchie arbeiteten entlang der Strecke und hausten in notdürftigen Hütten. Das letzte Kapitel widmet sich den Dienstmädchen um 1900: rechtlos, oft geschlagen, kaum Freizeit, manchmal ohne eigenes Bett. Erst die Sozialdemokratie brachte Verbesserungen, die in den 1920er-Jahren zur de-facto-Abschaffung des Dienstmädchenstatus führten.

Ein Buch mit vielen interessanten Details über Berufe und Tätigkeiten, die wir heute nur mehr vom Hörensagen kennen. Schwerpunkt ist Wien, doch vieles gilt wohl für ganz Österreich. Ein mehrseitiges Literaturverzeichnis und ein Personenregister finden sich am Ende. Das Buch, illustriert mit Schwarzweißbildern und Zeichnungen, lässt sich angenehm lesen und bietet einen guten Einblick in das Leben von "Dieben, Dirnen, Dienstboten" – und Köhlern, Sennerinnen, Sklaven, Fabriksarbeitern.

Autor Georg Hamann, erschienen 2025 im Amalthea Signum Verlag, Wien, ISBN 978-3-99050-286-0

gelesen im Mai 2025

"Brechen wir aus!" Leokadia Justmann. Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte.

Brechen wir aus! Leokadia Justmann.

Eine eindrucksvolle, dramatische Fluchtgeschichte, spannend geschrieben und hervorragend recherchiert

Der Inhalt

Die 19-jährige Leokadia Justman freute sich auf den Schulbeginn ihrer neunten Klasse Anfang September 1939, als Hitler Polen überfiel. Sie erlebte einen Angriff der Stukas, bei dem ihre Großmutter verbrannte. Die Familie zog in ein Dorf. Zu Beginn des Winters 1941/1942 kam der Befehl, alle Pelze abzugeben. Im Oktober 1942 wurden alle Juden des Dorfes zum Bahnhof getrieben und mussten ihre Schuhe ausziehen – "Wo ihr hinfahrt, braucht ihr keine Schuhe". Ein SS-Hauptsturmführer rief beim Wegfahren: "Weg mit der Scheiße".

20 Personen wurden ausgewählt, die bleiben durften, um die Wohnungen der Juden auszuräumen. Ihr Vater war einer der Auserwählten und durfte seine Frau mitnehmen.

Ein entscheidender Moment: Ihre Mutter entschied sich, anstelle ihrer Tochter in den Zug zu steigen, der alle ins Vernichtungslager Treblinka brachte. Zophia Justman starb dort im Oktober 1942.

Was danach geschah, schildert Leokadia auf rund 270 Seiten: Erniedrigungen, Todesängste, Fluchten. Schließlich gelingt ihr mit ihrem Vater und einigen Polen mit gefälschten Papieren die Flucht aus dem Ghetto Piotrków Trybunalski – dem ersten NS-Sammellager im besetzten Polen.

Die Flucht führt nach Tirol. In Innsbruck arbeiten Vater und Tochter in einer Fabrik, bis die Gruppe verraten wird. Im März 1944 wird Leokadia verhaftet und kommt ins Polizeigefängnis Innsbruck. Sie erlebt Folter, Angst, Hoffnung. Eine Nazi-Frau in der Zelle versucht, sie umzubringen.

Drei Polizisten versuchen, sie zu retten. Sie arbeitet in der Küche. Kurz vor dem geplanten Abtransport flieht sie mit ihrer Freundin Marysia Fuchs im Jänner 1945 durch eine bombenzerstörte Mauer. Helfer verstecken sie. Sie erhält neue Papiere und reist nach Zell am See.

In Lofer kommt sie zu Clementine Machatschek, einer fanatischen Nationalsozialistin, die sie bald hinauswirft. Leokadia sucht Hilfe und findet sie beim Pfarrer Leopold Wintersteller in St. Martin bei Lofer.

"Herr Pfarrer, ich bin aus dem Gefängnis geflüchtet. Ich bin eine Verbrecherin, ich bin Jüdin." "Christlchen, du bist keine Verbrecherin. Diese Bezeichnung konnten dir nur die echten Verbrecher geben."

Nach Kriegsende kehrt sie nach Innsbruck zurück und erfährt, dass ihr Vater 1944 im Lager Reichenau ermordet wurde. Sie gründet eine Vertretung der Juden in Innsbruck, lernt ihren Mann kennen und wandert in die USA aus.

Über das Buch

Martin Thaler wandte sich 2018 an Niko Hofinger, der die Erinnerungen recherchierte. Der Sohn von Leokadia, Jeffrey Wisnicki, verwahrte vier Haupttexte in hebräischer und englischer Sprache. Hofinger und sein Team ließen sie übersetzen und überprüften akribisch alle Fakten. 2025 wurden die Erzählungen im Tiroler Landhaus vorgestellt.

Die Sprache des Buches lässt die Ängste, den Mut und die Entschlossenheit Leokadias lebendig werden. 368 Fußnoten liefern Kurzbiografien aller vorkommenden Personen. Ein Personen- und Ortsregister sowie eine zweiseitige Zeittafel runden das Werk ab.

Die Erzählungen zeigen ein eindrucksvolles Bild der skrupellosen Aktionen der Gestapo, der Todesängste der Opfer und des blinden Gehorsams vieler Menschen.

Herausgeber: Niko Hofinger und Dominik Markl. Übersetzung aus dem Englischen: Brigit Salzmann und Susanne Costa. Erschienen 2025 in der Verlagsanstalt Tyrolia Gesellschaft m.b.H., Innsbruck, ISBN 978-3-7022-4275-6

gelesen im April 2025

Zeitensprünge. Meine Wege in die Vergangenheit.

Zeitensprünge. Meine Wege in die Vergangenheit.

Interessante und abwechslungsreiche Zeitensprünge von der ersten bis zur letzten Seite

Der Autor springt zwischen Ereignissen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. In 52 Beiträgen, unterteilt in 15 Kapitel, die sich zwischen der k.k. Monarchie und den Vereinigten Staaten abspielen, geht er unter anderem der Frage nach, wie Mozart wirklich aussah, ob Schubert Alkoholiker war oder nicht, berichtet vom einzigen Flirt der Kaiserin Elisabeth und den letzten Tagen von Königin Elizabeth II.; Karl Kraus soll eine geheime Liebesgeschichte gehabt haben und er fragt sich, ob Shakespeare überhaupt gelebt hat.

Es gibt kriminelle Seitensprünge und solche "Made in Austria", etwa von Frau Rosa, der letzten Greißlerin in Wien. Markus erklärt, warum das Weiße Haus weiß ist, erzählt vom Hofmaler des Schahs von Persien, deckt Details über eine vermutliche Verbindung von Frank Sinatra zur Mafia auf, schildert schwere Schicksale von Kinderstars und schreibt über sein letztes Interview mit Johannes Heesters. Dass die Eingangstür der Downing Street 10 eine Attrappe ist und dass französische Präsidenten fast alle Mätressen hatten, erfährt man ebenfalls.

Die 290 Seiten lesen sich schnell. Eindrucksvolle Schwarzweißfotos begleiten die Texte, etwa von der geheimnisvollen Geliebten von Karl Kraus, Liz Taylor als Elfjährige, Queen Elizabeth II. kurz vor ihrem Tod oder Curt Jürgens im Kreis schöner Frauen. Quellenverzeichnis, Bildnachweis und ein mehrseitiges Namenregister runden das Buch ab. Das Leseband brauchte ich kaum, da ich das Buch sehr schnell gelesen hatte. Es steht nun griffbereit in meiner Bibliothek, falls ich über J. F. Kennedys Wiener "Ami-Schlitten" nachlesen möchte, der noch heute in Wien fährt.

Autor Georg Markus, erschienen 2024 im Amalthea Verlag Wien, ISBN 978-3-99050-276-1

gelesen im Oktober 2024

Stammgäste. Jüdinnen und Juden am Semmering.

Stammgäste. Jüdinnen und Juden am Semmering.

Beeindruckende zeitgeschichtliche Dokumentation mit interessanten Zeitzeugeninterviews

Danielle Spera ist es hervorragend gelungen, gemeinsam mit 16 Co-Autoren ein abwechslungsreiches Buch über die fremdenverkehrsgeschichtliche Entwicklung des Semmerings im Zusammenhang mit dem jüdischen Publikum zu erstellen. Alle Autoren sind Wissenschaftler oder Buchautoren. Georg Markus schreibt über bekannte Persönlichkeiten wie Freud, Schnitzler, Farkas und Herzl. Unterhaltsam sind die Liebesgeschichten von Arthur Schnitzler oder eine kuriose "Taxifahrt" von Karl Farkas von Wien auf den Semmering.

Josef Hlade und Herwig Czech beleuchten "Wiens umkämpften Kurort", Matthias Marschik die jüdischen Sport- und Bewegungskulturen. Richard Weihs und Julia Windegger zeigen enteignete jüdische Villen. In 15 Kapiteln entsteht ein lebendiges Bild des Lebens vor und nach dem Nationalsozialismus, ergänzt durch zahlreiche Schwarzweiß- und Farbfotos.

Besonders beeindruckend sind die zwölf Interviews mit Zeitzeugen, die Spera führte. Sie schildern, was ihre Eltern über Urlaube vor dem Krieg erzählten, wie sie selbst den Semmering in den 1950er- und 1960er-Jahren erlebten, von Anfeindungen und Beschimpfungen – Jahre nach Kriegsende. Viele Bilder zeigen die Eltern und die Interviewten selbst.

Georg Gaugusch stellt in einem biografischen Glossar über 60 Semmering-Gäste vor. Kurzporträts der Autorinnen und Autoren, Literaturhinweise, Endnoten, Personenregister und Bildnachweis ergänzen das Werk.

Die Texte und Bilder lassen die Geschichte dieser Menschen, ihrer Urlaube und des mondänen Lebens am Semmering lebendig werden. Ein Eintauchen in eine Epoche, die so nicht wiederkehren wird. Das Buch ist eine wertvolle zeitgeschichtliche Dokumentation.

Herausgeber Danielle Spera, erschienen 2024 im Amalthea Verlag Wien, ISBN 978-3-99050-269-3

gelesen im Sommer 2024

Verstoßen. Die Wege der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus dem Gau Tirol-Vorarlberg 1938–1945.

Verstoßen. Die Wege der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus dem Gau Tirol-Vorarlberg 1938–1945.

Sorgfältig recherchierte Lebensgeschichten, geprägt von der Grausamkeit des NS-Regimes

Der Verlag schreibt über dieses Buch:

Spätestens mit dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 begann für die jüdische Bevölkerung eine Zeit der Ausgrenzung, Verfolgung, Entrechtung und schließlich Vernichtung. Im Gau Tirol-Vorarlberg wurden die jüdischen Familien zur Flucht gezwungen. Dieses Werk beleuchtet die Schicksale aller in der Zwischenkriegszeit geborenen Kinder und Jugendlichen, die ihre Heimat bis spätestens 1939 verlassen mussten.

Ich habe das Buch gelesen und meine:

Das Lesen vieler Kapitel ist bedrückend. Kinder und Jugendliche, die bis März 1938 gemeinsam in die Schule gingen, wurden von einem Tag auf den anderen ausgeschlossen. In der Reichskristallnacht mussten sie mitanhören, wie ihre Väter erschossen oder erschlagen und ihre Mütter gedemütigt wurden. Viele wurden mit Kindertransporten nach England oder Palästina geschickt und überlebten dadurch.

Teil 1 schildert gut verständlich die Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg und die Hintergründe der Vertreibung. Ein Kapitel behandelt die Integration in neuen Heimatländern oder die Rückkehr nach Österreich.

Teil 2 – "Hundert oder mehr Geschichten" – ist oft beklemmend. Die damaligen Kinder erinnern sich an Demütigungen, an Gewalt, an die Flucht, an Internierung in England als "Feinde". Einer meldete sich zur britischen Armee und fand zwei der Mörder seines Vaters – einer entkam, der andere wurde nicht verurteilt.

550 Fußnoten, Literaturverzeichnis, Quellenangaben und Abbildungsverzeichnis zeugen von der wissenschaftlichen Recherche der Autorin. Das Buch ist kein Lesebuch im klassischen Sinn, sondern ein Nachschlagewerk – besonders für die Innsbrucker Bevölkerung, die wissen möchte, was aus ihren einstigen Nachbarn wurde.

Gerda Hofreiter (Autorin), erschienen 2023 im Verlag Tyrolia, Innsbruck, ISBN 978-3-7022-4114-8

gelesen im Juni 2024

Vielgeprüftes Österreich

Vielgeprüftes Österreich

Lendvai beschreibt die österreichische Politik nach 1945 spannend anhand der Bundeskanzler

Es ist beeindruckend, welches Wissen Lendvai trotz seines hohen Alters von 94 Jahren in diesem Buch vermittelt. Auf rund 270 Seiten schildert er die Geschichte der Zweiten Republik anhand verschiedener Bundeskanzler. Breiten Raum widmet er der Entstehung und dem Wirken von FPÖ und SPÖ, insbesondere Bruno Kreisky. So meint Lendvai, Kreisky habe seinen Aufstieg dem FPÖ-Klubobmann Friedrich Peter zu verdanken.

Lendvai arbeitete zunächst als Korrespondent der Financial Times, kehrte 1957 nach Wien zurück und wurde später Chefredakteur der ORF-Osteuropa-Redaktion. Er hat alle Bundeskanzler persönlich erlebt und interviewt. Daher fließen viele persönliche Erinnerungen in seine oft kritischen Beschreibungen ein.

Das Kapitel über die ÖVP, "die ungewöhnlichste Volkspartei Europas", und jenes "von Wolfgang Schüssel zu Sebastian Kurz: Vom Original zur misslungenen Kopie" sind mit fast 70 Seiten die umfangreichsten Beiträge und geben tiefe Einblicke in die Verflechtungen der österreichischen Politik.

Aufgrund der Informationsdichte konnte ich das Buch nur abschnittsweise lesen. Doch ich bin sehr beeindruckt: Durch die vielen Hintergrundinformationen und persönlichen Erläuterungen habe ich einen sehr guten Einblick in die österreichische Politik nach 1945 erhalten. Zusammen mit dem Buch von Hugo Portisch "Aufregend war es immer" verstehe ich vieles besser, was seither geschehen ist. Ich kann das Buch von Lendvai nur empfehlen.

Autor Paul Lendvai, erschienen 2022 im ecoWing Verlag, ISBN 978-3-7110-0269-3

gelesen im März 2023

Lernen S' Geschichte, Herr Reporter. Bruno Kreisky. Episoden einer Ära.

Lernen S' Geschichte, Herr Reporter. Bruno Kreisky. Episoden einer Ära.

Ein aufschlussreiches und sehr gut geschriebenes Buch über einen großen Staatsmann

Zwei Sozialisten: Der Autor Ulrich Brunner, der bei den sozialistischen Studenten begann und ein erfolgreicher Journalist wurde, und Bruno Kreisky, einer der bedeutendsten Politiker der Nachkriegszeit. Beide kannten einander, und Brunner berichtet in diesem Buch über Begegnungen, Lebensgeschichte und viele Episoden.

Brunner beginnt mit seinem eigenen journalistischen Weg bei der Arbeiter-Zeitung. Dann schildert er Kreiskys Gefängniszeit 1935 und dessen schwierige Rückkehr in die österreichische Politik nach 1945. "Kreisky am Weg ins Kanzleramt" bietet ausgezeichnete Einblicke in politische Grabenkämpfe innerhalb der SPÖ und das damalige politische Umfeld.

Dann kommt Brunner auf seine Kernkompetenz: Kreisky und die Journalisten. Unterhaltsame und ernste Beiträge wechseln einander ab. Kreisky war ein Meister der präzisen Unschärfe – etwa sein berühmter Satz nach der Zwentendorf-Abstimmung: "Ich werde sicher nicht sagen, dass ich sicher nicht zurücktreten werde."

Brunner beschreibt Kreisky als unbeherrscht, rastlos, als Machtpolitiker, als Förderer und Gegner. Er schreibt über den Fall Karl Schranz, über Kreisky und die Fristenlösung, die Frauenbewegung, die Schuldenpolitik und über Kreiskys Verhältnis zum Judentum, seine Angst vor Antisemitismus und die Wiesenthal-Affäre.

Im letzten Kapitel schildert Brunner das Ende der Ära Kreisky, das Mallorca-Paket, den schwerkranken und narzisstischen Kreisky und sein politisches Vermächtnis. Im Epilog erklärt Brunner seinen Austritt aus der SPÖ nach 50 Jahren Mitgliedschaft.

Brunner hat bewusst die außenpolitischen Verdienste Kreiskys ausgeklammert und konzentriert sich auf den innenpolitischen Kreisky und sein Verhältnis zu den Medien. Das Buch zeichnet ein informatives Bild eines Staatsmannes, der Österreich nachhaltig geprägt hat.

Autor Ulrich Brunner, erschienen 2017 im ecoWing Verlag, ISBN 978-3-7110-0263-1

gelesen im August 2020

Aufregend war es immer

Aufregend war es immer

Lebendig geschriebene, sehr gut erklärte Zeitgeschichte Österreichs und der Weltpolitik

Hugo Portisch ist auch mit 90 Jahren noch so fesselnd wie in seinen Fernsehkommentaren. Die 400 Seiten dieses Buches sind tatsächlich aufregend. Portisch schildert anhand seines Lebens große Ereignisse der österreichischen Geschichte und der Weltpolitik.

Er beschreibt seinen Weg zum Journalismus, seine Zeit beim Kurier, seine Ausbildung in den USA, den Marshallplan, die Ängste der Österreicher in der russisch besetzten Zone und die Vorsorgemaßnahmen gegen eine mögliche Annexion durch die Sowjetunion. Er berichtet von Reisen mit Bundeskanzler Raab, vom Wiener Zeitungskrieg, vom ersten Volksbegehren und von Otto Habsburgs Bemühungen, ihn für die Monarchie zu gewinnen.

Die zweite Hälfte des Buches widmet sich der Weltpolitik: seine erste Reise nach China, das Gespräch mit Marschall Chen Yi, das internationale Bedeutung hatte; eine Reise nach Sibirien; Hintergründe zur gescheiterten Landung in der Schweinebucht; und warum auf Kuba so viele alte amerikanische Autos fahren.

Portisch wechselte zum ORF und erhielt als erstes Fernsehteam Zugang zum Strategischen Oberkommando der amerikanischen Bomberflotten und Atomraketen. Auch das war weltgeschichtlich bedeutsam.

Er schreibt über Kreisky, die Neutralität, Zwentendorf, Englands EG-Beitritt, die Entstehung von "Österreich I" und "Österreich II", über Henry Kissinger, über den Zerfall der Sowjetunion und über Europa in der Flüchtlingskrise.

Portisch erklärt Geschichte verständlich, wertungsfrei und mit persönlicher Note. Rund 30 Bilder aus seinem Privat- und Berufsleben ergänzen das Buch.

Ein großartiges Werk eines der bedeutendsten Journalisten Österreichs.

Autor Hugo Portisch, erschienen 2017 im ecoWing Verlag, ISBN 978-3-7110-0124-5

gelesen im Februar 2017

Chapeau! – Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes

Chapeau! – Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes

Reich illustriert bietet das Buch einen sehr guten Einblick in die Geschichte des Hutes

Dieses Buch ist als Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum (bis 30. Oktober 2016) erschienen. Die Ausstellung widmet sich anhand ausgewählter Kopfbedeckungen Themen der Wiener Geschichte von 1848 bis heute. Im Buch werden diese Themen sowohl textlich als auch bildlich dargestellt.

"Hut auf – politische Köpfe" erzählt von der machtpolitischen Bedeutung von Kopfbedeckungen. "Hut ab? Kopfsache Emanzipation" behandelt Kopfbedeckungen als Ausdruck der Frauenbewegung. Religiöse Vorschriften werden im Kapitel "Hüte dich! Religion auf den Köpfen" erläutert. "Alter Hut, neuer Hut – verkopfte Identitäten" zeigt soziale Unterschiede in der Wiener Stadtgesellschaft. Abschließend wird die Wiener Hutmode präsentiert, die bis in die 1960er-Jahre florierte.

Die Modesammlung des Wien Museums umfasst 23 000 Objekte, darunter 1400 Kopfbedeckungen. Daher konnte nicht nur eine sehenswerte Ausstellung, sondern auch ein reich illustriertes Buch entstehen, das einen hervorragenden Einblick in die Geschichte des Hutes bietet.

Ein kleiner Auszug: Revolutionshüte von 1848, der Hut der Akademischen Legion, die Schirmkappe eines Untersturmführers, die Mütze eines KZ-Häftlings, ein Priesterhut von 1890, ein Rastafari-Kopftuch um 2005, nostalgische Modeaufnahmen, Hutgewerbescheine und vieles mehr.

Auch einem Laien wie mir gefällt dieses Buch sehr gut. Es ist lesbar, aufgelockert, übersichtlich gegliedert, die Bilder sind – wie bei Brandstätter üblich – von hoher Qualität, und die Texte stammen von 26 Fachautorinnen und Fachautoren.

Michaela Feurstein-Prasser (Hrsg.), Barbara Staudinger (Hrsg.), erschienen 2016 im Brandstätter Verlag Wien, ISBN 978-3710600647

gelesen im Oktober 2016

Apropos Gestern. Meine Geschichten hinter der Geschichte.

Apropos Gestern. Meine Geschichten hinter der Geschichte.

Faszinierende Erinnerungen an große und kleinere Leute

Mit der Frage "Wie wird man Journalist?" an den Portier des Kurier begann die Karriere von Georg Markus. In diesem abwechslungsreichen Buch erzählt er aus vier Jahrzehnten, wen er getroffen, interviewt oder über wen er Biografien geschrieben hat.

Er ging als Kind bei der Familie von Maxi Böhm ein und aus, war Assistent von Karl Farkas, führte ein kaum für möglich gehaltenes Interview mit Gunther Philipp, traf Udo Proksch, Ephraim Kishon, Kurt Waldheim und viele andere.

Er erlebte die Geburtsstunde des "Mundl", kam zu spät zum Interview mit Sophia Loren, die in Bayern drehte, und spürte dem Geheimnis von Mary Vetsera nach. Er fand Hinweise darauf, dass Kaiser Franz Joseph I. tatsächlich mit Katharina Schratt verheiratet gewesen sein könnte.

Jahr für Jahr erinnert sich Markus an lesenswerte Geschichten. Am Ende jedes Jahres gibt er einen Überblick über weltpolitische Ereignisse. Das Buch ist mit zahlreichen Schwarzweißfotos aufgelockert, und im Personenregister finden sich über 900 Namen.

Gut 100 Geschichten auf knapp 300 Seiten – ich habe das Buch nur zur Schlafpause aus der Hand gelegt. Das Leseband war hilfreich, aber selten nötig.

Autor Georg Markus, erschienen 2015 im Amalthea Verlag Wien, ISBN 978-3-99050-004-0

gelesen im November 2015

Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden.

Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden.

Schildert anschaulich Sittenbild und politische Entwicklung der damaligen Zeit sowie das Leben von Suttner

Obwohl Bertha von Suttner Alfred Nobel zur Stiftung des Nobelpreises anregte, erhielt sie erst bei der fünften Vergabe und als erste Frau den Preis. Sie stammte aus der Familie von Kinsky, kämpfte aber zeitlebens mit ihrer nicht ganz standesgemäßen Herkunft. Ihre heimliche Heirat mit Arthur von Suttner sorgte für Aufregung.

Acht Jahre lebten die beiden im Kaukasus, bevor sie nach Wien zurückkehrten. Erst mit 46 Jahren schrieb sie ihr berühmtes Buch "Die Waffen nieder", das ihre Karriere als Friedenskämpferin begründete.

Brigitte Hamann schildert ihr Leben anhand von Tagebüchern, Memoiren, Korrespondenzen und Zeitungsberichten. Sie zeigt die vielen Facetten Suttners: ihr Leben im Kaukasus, ihre schriftstellerische Tätigkeit, ihre Friedensarbeit, die Entstehung des Nobelpreises, ihre Haltung zum Feminismus und die politischen Entwicklungen ihrer Zeit.

Auf über 300 Seiten entfaltet sich die Zeit zwischen 1850 und 1914. Hamann beschreibt das Sittenbild der k.k. Monarchie, die Stellung der Frau, die liberale Haltung Suttners, die Kriegslust in Europa und die Anfänge des Deutschnationalismus.

Zahlreiche zeitgenössische Bilder, Postkarten und Simplicissimus-Drucke ergänzen das Werk. Ein umfangreiches Quellenverzeichnis und ein Schriftverzeichnis runden das Buch ab.

Autorin Brigitte Hamann, erschienen 2013 im Brandstätter Verlag Wien, ISBN 978-3-85033-773-1

gelesen im September 2013

Traumgärten: 100 inspirierende Gestaltungsbeispiele

Traumgärten: 100 inspirierende Gestaltungsbeispiele

Die kleine Zypressenallee der Villa Massei in der Toskana, eine gemalte Eule auf einem Gartenschuppen in Shropshire, ein Bach im Garten einer alten Mühle in Norfolk – auf 350 Seiten mit über 400 Bildern kann man wunderbar träumen.

Die farbliche und motivische Abstimmung der Bilder ist beeindruckend: blaue Gartenstühle im Gelbgrün von Wollerton Old Hall, Rittersporn im selben Blau, harmonische Braun- und Cremetöne in Bury Court, sechs Gartendetails aus Cannwood Garden, Seerosenteiche, Hänge-Seggen, Skulpturen – jede Seite begeistert aufs Neue.

Die Bildqualität ist ausgezeichnet, und die Gestaltung der Doppelseiten ist ein Kunstwerk für sich. Ein Buch zum Träumen – auch auf dem Balkon.

2012 erschienen im Delius Klasing Verlag, ISBN 978-3768831871

gelesen im Mai 2012

Verschwundene Arbeit – Berufe von anno dazumal

Verschwundene Arbeit – Berufe von anno dazumal

von Rudi Palla, erschienen 2010 im Brandstätter Verlag, ISBN 978-3-85033-327-6

"Aufpassen wie ein Haftlmacher" – aber was war ein Haftlmacher? Der Taufpate von Joseph Mohr war Abdecker und Scharfrichter. Sesselträger brachten Touristen auf den Gaisberg. Mandolletikrämer zogen durch Wien. Was machte eine Amme, ein Schopper, ein Schinder, eine Fratschlerin, ein Laternenträger?

Palla beschreibt über 200 ausgestorbene Berufe auf 250 Seiten. Manche nur in wenigen Zeilen, andere über mehrere Seiten. Farbige Abbildungen und Zeichnungen ergänzen die Texte. Der Schwerpunkt liegt auf Berufen der k.u.k. Monarchie, aber auch Nachbarstaaten werden einbezogen.

Der Leser erlebt viele "Aha"-Momente. Das Buch ist gut verständlich geschrieben und erfordert kein Spezialwissen. Ein Werk für Geschichtsinteressierte und alle mit nostalgischer Ader.

21. März 2010