Palermo und der Westen Siziliens im Frühling 1997
Sizilien – hier kreuzten sich Kulturen und Handelsstraßen der Griechen, der Punier und Römer. Hier stießen Normannen und Araber aufeinander, kämpften Franzosen und Spanier. Alle hinterließen ihre Spuren, ihre Bilder, ihre Gastronomie. Von den Griechen übernahm man Oliven, gesalzenen Topfen, Fischgerichte, Honig, Mandeln, Wein und Saucen. Die Römer hinterließen vor allem Zerstörung, weshalb ihr Beitrag zur Küche gering blieb. Die Byzantiner brachten neue Gewürze, und unter der Herrschaft der Araber entstanden die typischen Thunfischfangstellen. Normannen und Schwaben führten Braten sowie den getrockneten Fisch „Baccalà“ und „stoccofisso“ ein.
Auf dem Flughafen Fiumicino in Rom, wo ich auf meinem Flug nach Palermo umsteige, fährt ein gepanzertes Fahrzeug der Carabinieri an der MD‑80 der Alitalia vor. Der Notausstieg oberhalb der Tragfläche wird geöffnet. Ein Mann, festgezurrt auf einer Trage, wird aus dem Arrestwagen hinauf auf die Tragfläche gehoben und durch den geöffneten Notausstieg ins Innere des Flugzeugs gebracht. Im hinteren Teil der Maschine, hinter einem Vorhang, findet der seltsame Passagier Platz – begleitet von zwei Carabinieri.
Na bravo, denke ich mir, ein Mitglied der „Ehrenwerten Gesellschaft“? Ich habe es nicht erfahren. So begann der letzte Teil meiner Anreise Ende Februar 1997 auf die Insel Sizilien. Bei Sonnenschein und für uns Österreicher unvorstellbaren fast 20 °C – Ende Februar! – setzte die Maschine am Flughafen von Palermo auf.
Ich nahm ein Taxi und fuhr auf jenem Flughafen‑Autobahnzubringer, auf dem vor Jahren ein bekannter italienischer Mafiajäger, ein Richter, mit seinem Fahrzeug in die Luft gesprengt wurde. Ja, das ist Süditalien: mildes Klima, was die Umgebung anbelangt, raues Klima, was die Gesellschaft betrifft. Was würden die Tage auf Sizilien wohl bringen?
Mein Hotel, das Best Western Centrale Palace, eine ehemalige Residenz des hiesigen Adels, liegt mitten in der Stadt. Vom Frühstückszimmer aus habe ich einen herrlichen Blick über die Altstadtdächer. Es ist ein abbröckelnder Charme, den diese Stadt versprüht: verfallende Paläste, staubige Hinterhöfe, und dazwischen eine Straßenkreuzung, deren vier Palazzi, die sich fast in die Straße schieben, von vier Brunnen verziert sind.
Palazzo Conte Federico
Abends bin ich eingeladen – im Palazzo Conte Federico- Der Palazzo zählt zu den ältesten und bedeutendsten Adelssitzen Palermos. Er befindet sich zwischen der Piazza Conte Federico und der Via dei Biscottari, auf den historischen Resten der punischen Stadtmauer. Mitten im Viertel Ballarò gelegen, erreicht man von hier aus den Königspalast und den Dom in wenigen Minuten zu Fuß.
Conte Alessandro Federico, dessen Familie angeblich auf den Stauferkaiser Friedrich II. - über Friedrich von Antiochia zurückgeht, lebt seit Jahrhunderten in diesem Gebäude. Im Innenhof des eher düsteren Palazzos steht ein Automobil der 1920er-Jahre. Die große Leidenschaft ihres Mannes, erzählte mir die Contessa Maria Alwine Eder in Federico, sei das Fahren mit Oldtimern bei klassischen Rennen wie der Mille Miglia storico oder der Targa Florio storico, dem großen historischen Rennen der Insel Sizilien. Das erzählte sie mir in fast salzburgerischem Dialekt. Ja, meinte sie, sie sei geborene Salzburgerin und habe hierher geheiratet. Wie klein die Welt doch ist.
Und heute öffnet sie ihren Palazzo für Gäste – für zahlende Gäste. Zunächst empfängt uns ein Ensemble mit klassischer Musik, dann wird in den gräflichen Räumen getafelt, und zum Abschluss des Abends führt uns die Contessa noch durch die anderen Räume – auch durch das altertümlich anmutende Schlafgemach. Adel verpflichtet! Es war ein interessanter Abend.
Über den Palazzo im Internet: Palazzo Conte Federico – offizielle Website und Artikel über Maria Alwine Federico auf Balarm.it
Was ich sonst noch so erlebte?
Einführung in antike Prostitution in Erice
Ein fliegender Händler in Trapani, der mir mit seiner Krücke drohte, als ich
ihn fotografierte
Ein Besuch im Weinkeller „Florio“, dem ältesten Marsala‑Wein‑Hersteller der
Welt und Namensgeber des berühmtesten Automobilrennens der Insel
Mein erster Seeigel (und letzter …)
Und es war das letzte Mal, dass ich meinen Freund und Gönner Aldo Scoppa traf –
er verstarb wenige Monate später
… doch über all das und was mich sonst noch an Sizilien fasziniert, schreibe
ich vielleicht einmal hier weiter.