Urbino – Palazzo Ducale und Dom, Marken, Italien

Die Marken

Eine Einführung
Theaterhäuser in den Marken
Bezaubernde Marken und ihre verborgenen Reize - ein Reisebericht aus den 2000er-Jahren
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Einführung

Die Marken sind noch wirklich eine Empfehlung für Italien‑Liebhaber: 180 km teilweise sehr schöne, lange, feinsandige Strände; mehr als 100 Kunststädte; Tausende von Kirchen, davon 200 im romanischen Stil; 163 Wallfahrtskirchen; über 40 gut erhaltene Abteien; 33 Burgen; 106 Schlösser; 15 Festungen; 170 Türme; 34 archäologische Stätten; 71 historische Theater. Die Region besitzt die meisten Museen und Pinakotheken ganz Italiens: 265 Museen in 246 Gemeinden! Dazu kommen 315 Bibliotheken, in denen mehr als vier Millionen Bücher aufbewahrt werden.

Zwei Nationalparks (Monti Sibillini; Gran Sasso und Monte della Laga), vier Regionalparks (Monte Conero bei Ancona; Sasso Simone e Simoncello; Monte San Bartolo; Gola della Rossa e di Frasassi) sowie vier Naturreservate (Abbadia di Fiastra; Gola del Furlo; Montagna di Torricchio; Ripa Bianca) prägen die Landschaft.

Weite, sanfte Hügellandschaften bestimmen das Bild dieser Region. Ob Gradara, Urbino (Herzogspalast, Geburtsort des Malers Raffael), Macerata (Sommerfestspiele!), Ascoli Piceno (ein Schmuckstück ersten Ranges) oder der Palmenstrand von San Benedetto del Tronto; Osimo, die Stadt des „Fliegenden Mönchs“, des hl. Joseph von Copertino; Loreto, einer der wichtigsten Marienwallfahrtsorte (mit dem „Haus der Heiligen Familie“); Cingoli, der „Balkon der Marken“, auf 630 m ü. A. gelegen; die Festung San Leo, einst Gefängnis des Kirchenstaats – und viele, viele andere kleine Orte gilt es in den Marken zu entdecken.

Theaterhäuser

Italien, die Theater in der Region Marken, Theater Apollo in Mondavio
Theater Apollo in Mondavio. Bildquelle: turismo.comune.mondavio.pu.it

Aufgrund der zahlreichen Theaterhäuser wird die Region auch „Region der 100 Theater“ genannt. Hier die Liste der Theater in den Marken:

Mondavio (PU), Teatro Apollo
Corinaldo (AN), Teatro Goldoni
Petritoli (FM), Teatro dell'Iride
Offida (AP), Teatro Serpente Aureo
Treia (MC), Teatro comunale
Macerata Feltria (PU), Teatro Angelo Battelli
Sarnano (MC), Teatro della Vittoria
Montelupone (MC), Teatro Nicola degli Angeli
Ripatransone (AP), Teatro comunale Luigi Mercantini
Montecosaro (MC), Teatro delle Logge
Pergola (PU), Teatro Angel Dal Foco
Arcevia (AN), Teatro Misa

Eine Reisebeschreibung von mir

Bezaubernde Marken und ihre verborgenen Reize - ein Reisebericht aus den 2000er-Jahren

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Meine Information „Ich fahre in die Marken!“ wurde stets begleitet von der Frage: „Wohin, bitte?“. Ja, ja – Rimini kennt man schon! Und auch Florenz! Bitte schön, Assisi ist ebenfalls nicht unbekannt. Aber die Marken? Eine Region in Italien? Ja! Zugegeben, sie bieten nicht allzu viele weltberühmte Sehenswürdigkeiten. Doch umso mehr machen malerische Städtchen, alte Klöster und das wunderbare Hügelland den besonderen Reiz dieser Region aus – ganz abgesehen von Küche und Keller.

Knapp 160 km adriatische Küste stehen rund 350 Grenzkilometern im Inland zu benachbarten Regionen gegenüber. Und vor allem das reizvolle Hinterland, ein mehr hügeliges als gebirgiges Gebiet, lockt mit vielen Kleinoden. Soweit das Auge reicht, wellen sich sanfte Hügel, bedeckt mit Olivenbäumen und Getreidefeldern. Dazwischen, oft auf den Hügelkuppen, kleben wie Schwalbennester die alten Dörfer und Städte. So verwundert es nicht, dass mich meine Reise mehr in dieses verborgene Hinterland führen wird als an die Küste. Ich hörte sogar schon, dass man das „echte, unverfälschte Italien“ noch in den Marken finde. Also begab ich mich auf „die Suche nach Italien“.

Im ausklingenden Tageslicht, vorbei an der kleinen Republik San Marino, deren Monte Titano am Horizont gut zu erkennen war, erreichte ich Pesaro. Mit rund 95 000 Einwohnern bereits eine der größten Städte der Marken, zeigt sie sich dennoch als angenehmer Aufenthaltsort. Dem berühmtesten Sohn der Stadt, dem Opernkomponisten Gioacchino Rossini (19. Jh.), zu Ehren findet hier jedes Jahr im Sommer das „Rossini Opera Festival“ statt. Die Innenstadt ist stets belebt – zahlreiche elegante Geschäfte und Bars laden zum Bummeln ein.

2. Tag

Am nächsten Morgen zieht es mich zunächst in das reizende markische Dörfchen Gradara. Etwas nördlich von Pesaro, in Sichtweite der Adria gelegen und vollständig von einer Stadtmauer umgeben, zieht es sich einen Hügel hinauf.
Von der Hauptachse führen kurze Gassen links und rechts zu den Mauertoren; an der höchsten Stelle steht eine kleine Burganlage. In der Kirche davor sollten Sie die Christusskulptur nicht versäumen: Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet, sind die Augen offen oder geschlossen – vor oder nach der Kreuzigung.

Am Nachmittag fuhr ich durch das hügelige Land weiter nach Osimo. Über dieses Dörfchen gibt es wieder eine unterhaltsame Episode zu berichten – und zwar von einem fliegenden Mönch. In der Kirche San Francesco liegt der heilige Joseph von Copertino begraben, zu Lebzeiten bekannt für seine „Flugkünste“. Immer wieder hob er vom Boden ab – trotz eines Verbots seiner Vorgesetzten.

Schon bei meiner Ankunft in Osimo verfinsterte sich der Himmel und kündigte ein nahendes Gewitter an. Trotzdem spazierte ich noch auf der gepflegten ehemaligen Stadtmauer entlang und durch den hübschen kleinen Park. Der Dom San Leopardo strahlte trotz der immer bedrohlicher wirkenden dunklen Wolken Ruhe und Geborgenheit aus – im Inneren zeigt er spätromanische Züge. Noch ein kurzer Besuch beim heiligen Joseph: Es war gerade drei Uhr nachmittags geworden und die Kirchentüren öffneten sich. Dann setzte ein Gewitter ein, das den Rest des Nachmittags andauern sollte.

Als letzten Besichtigungspunkt des heutigen Tages hatte ich eigentlich Macerata vorgehabt – Universitätsstadt mit Viehmarkt. Bekannt ist die Stadt bei uns vor allem wegen ihrer Opernfestspiele, die jedes Jahr im Sommer im ungewöhnlichen Bau namens „Sferisterio“ stattfinden. Doch der strömende Regen und der peitschende Wind ließen mich dieses Vorhaben auf einen anderen Tag verschieben. So fuhr ich gleich weiter in den kleinen adriatischen Badeort Porto Civitanova, wo ich die nächsten Nächte wohnen werde.

3. Tag

Auf den nächsten Tag freute ich mich besonders. Der Ausflug führte mich in das bezaubernde Hinterland der Marken – in Orte, die bei uns unbekannt sind, die aber durch ihre Lage und ihren Charme einzigartig für die Region sind. Es wurde der Marken-Tag!

Eine Autobahn führt ins Landesinnere zu meinem ersten Besichtigungspunkt, der Abtei „di Chiaravalle di Fiastra“. Ich fuhr vom Tal über einen Höhenzug und sah dort, wo sich die Abtei befinden sollte, zunächst nur ein Wäldchen. Erst beim Näherkommen konnte ich die eindrucksvollen Gebäudeteile erkennen. Vom Parkplatz der Abtei führt ein kurzer Weg zur imposanten Zisterzienserabtei, die 1126 von französischen Mönchen des Ordens errichtet wurde. Ob der Kreuzgang, das Refektorium oder die Kirche – ich war sehr früh am Morgen dort, und die gesamte Anlage lag noch still und beschaulich da: Es war beeindruckend! Wer hätte gedacht, ier, nur wenige Kilometer landeinwärts, eine derartige Klosteranlage vorzufinden?

Beeindruckt verließ ich nach etwa einer Stunde diesen Ort und fuhr weiter nach Tolentino. Auch hier eine Überraschung für mich, den eingefleischten Italien‑Reisenden: Man konnte noch mitten auf dem Hauptplatz, vor dem Rathaus, mit dem Auto parken! Abgesehen von dem eigenartig anmutenden „Torre dei Tre Orologi“, einem seltsamen Uhrturm mit vier Zifferblättern, lockt der Ort mit der Basilika San Nicola zu einem Stopp.
Der Ortsheilige Nikolaus (nicht zu verwechseln mit dem hl. Nikolaus aus Bari/Myra) zog schon zu seinen Lebzeiten Scharen von Pilgern an. Die spätgotische Fassade, der prächtige barocke Innenraum mit Kassettendecke und der Freskenzyklus in der Cappellone di San Nicola (der keinen Vergleich mit jenem von Franz von Assisi zu scheuen braucht!) sind die „oberflächlichen“ Kulturhöhepunkte der Basilika.

Doch „tief im Inneren“, im Klostertrakt, verbergen sich ein wahrlich sehenswertes Klostermuseum und – in einem Tiefgeschoss – das Leben des Heiligen in 28 szenischen Bildern mit Figuren (Diaramen) dargestellt! Absolut sehenswert! Und ich hatte das Glück, dass es zusätzlich noch in einem eigenen Raum eine Darstellung der Geburt Christi gab – mit lebensgroßen Figuren, mit Stall, mit Ton, mit Lichteffekten – einfach sensationell!

Ich war begeistert von Tolentino. Es war die zweite Überraschung des Tages. Aber auch für weltliche Gelüste gibt es dort etwas: das „Internationale Museum für Karikatur“.

Auf Landstraßen ging es tiefer ins Hinterland hinein, nach San Severino Marche. Dieser Ort liegt malerisch auf einem Hügel, die mittelalterlichen Häuser schon weithin sichtbar. Immer wieder blickt man über weite Landstriche, über Hügel und Felder. Vorbei an San Severino Marche fuhr ich nach Castelraimondo in den Ortsteil Castel S. Maria. Dort, im hintersten Winkel des Tals, schon zu Füßen des Apennins, der sich hier auf über 1 500 m ü. A. erhebt, wollte ich zu Mittag essen – in einer Agriturismo, einem Bauernhof, auf dem man bodenständige Produkte auch gleich genießen kann.

Es wurde ein Schlemmeressen. An einem Hang, wie angeklebt, standen mehrere Gebäude eng beieinander, als würden sie sich gegenseitig stützen wollen. Durch die niedrige Türe gelangte ich ins Innere des Wirtshauses – mehr schon Restaurant als Agriturismo. Die Holzbalken und die Steinwände gaben den Räumen etwas Heimeliges. Kleine Treppen führten in die eher engen Räume, doch das Ganze strahlte Gemütlichkeit aus. Nach dem Essen gönnte ich mir ein paar Minuten auf der Terrasse vor dem Haus: Der Blick schweifte weit über das hügelige Land, und ich genoss die Ruhe und Beschaulichkeit, die dieser Landstrich ausstrahlte.

Hinunter ging es wieder ins Tal, um dann gleich wieder hinauf in die Hügel zu kurven. Es ging „hinauf“ zum „Balkon der Marken“, auf stolze 630 m über dem Meeresspiegel – nach Cingoli, einem Ort, der um jede Biegung, hinter jedem Palazzo einen neuen Blick freigibt. Und die Kirche San Nicolò mit dem meisterhaften Gemälde der „Rosenkranzmadonna“ von Lorenzo Lotto.

Ich war das erste Mal in diesem Ort und parkte sozusagen am „erstbesten“ Parkplatz. Wo aber ist der „Balkon“? Ich fragte einen Italiener, der gerade mit seiner Familie aus dem Auto stieg. „Aspetta, le faccio vedere“ – „Warten Sie, ich werde es Ihnen zeigen.“ Nein, nein, erklären Sie mir nur den Weg – no, no, er geht schon selbst mit mir dorthin. Also führte er mich durch den halben Ort, und tatsächlich: Vor mir tat sich ein Blick von 180 Grad über die Hügellandschaft der Marken auf – vor mir der Monte Conero, der „Hausberg“ Anconas, und die Adria. Ob ich ihn wohl auf einen Kaffee einladen dürfe? „No, no, grazie“, erwiderte er, sprach’s und ging mit seiner Familie weiter. Ja, das sind die Italiener!

Da an diesem Tag wunderbares Wetter war, konnte ich auch in der Ferne Macerata erkennen. So beschloss ich, noch Macerata zu besuchen. Macerata, wie viele andere Orte in den Marken, liegt auf einer Hügelkuppe. Treppen, mehr oder weniger steile Gassen und enge Plätze kennzeichnen die Stadt. Wie es wohl hier im Winter sein mag? Nun ja, Schnee gibt es schon, aber nicht viel, und er bleibt auch nicht allzu lange liegen. Selbst im Jänner sinken die Temperaturen hier selten unter Null Grad. So ließ ich diesen wunderbaren Tag mit einem Spaziergang durch Macerata ausklingen.

4. Tag

Noch einmal wollte ich in den Süden der Region fahren – zu einem weiteren städtebaulichen Kleinod: Ascoli Piceno. Die Altstadt liegt malerisch auf einem Plateau zwischen den Flüssen Tronto und Castellano. In ihrem Mittelpunkt die Piazza del Popolo mit dem Palazzo dei Capitani, die sich in einem Atemzug mit den großen Plätzen Italiens – dem Markusplatz von Venedig, dem Campo von Siena und der Piazza Navona von Rom – nennen lässt!

Doch nicht nur der Hauptplatz lockt Touristen aus aller Welt hierher: der Renaissance-Kreuzgang der Franziskanerkirche, in dem vormittags Markt ist; die alte Römerbrücke mit herrlichem Blick über Altstadt und Fluss; das 800 Jahre alte Baptisterium; romanische Kirchen wie San Gregorio; der Dom Sant’Emidio; die Piazza Arringo (die gerade mit neuen Steinplatten ausgelegt wurde), wo sich Kathedrale, Bischofspalast mit Diözesanmuseum und Rathaus befinden – und natürlich die Oliven. Die „Olive all’ascolana“ und das gefüllte „Fritto ascolano“ sind Spezialitäten der Stadt! Ascoli Piceno weiß zu verzaubern.

Neben der Franziskanerkirche plauderten in einer Loggia Senioren; auf der Piazza del Popolo waren kleine Ausstellungszelte aufgebaut, in denen Regionen, Dörfer und Städte Mittelitaliens sowie alte Handwerke im Rahmen einer kleinen Touristikmesse präsentiert wurden; und am Markt im Kreuzgang sah ich noch alte Waagen mit Gewichten.

Die Rückfahrt nach Civitanova führte mich zu einer weiteren Sehenswürdigkeit im Süden der Region, an den kilometerlangen Palmenstrand von San Benedetto del Tronto. Gut 15 Kilometer säumen kleine und große Palmen in mehreren Reihen den Sandstrand des Badeorts. Die Altstadt zeigt sich noch in jenem bezaubernden, leicht verstaubten Zustand, den ich gerne als „Italien“ bezeichne. Obwohl es bereits Ende September war, fanden sich noch einige am Strand – sonnenbadend oder in den (kühlen?) Wellen der Adria.

Wenn man dann auf der Autobahn wieder Richtung Norden unterwegs ist, sieht man nur ein paar Kilometer zur Linken im Landesinneren auf einer Hügelspitze einen Ort „kleben“: Es ist Fermo. Die leicht abfallende Piazza mit Arkaden bildet das malerische Zentrum dieses Ortes; auf der Piazza eine Statue von Papst Sixtus V., der aus dem nahen Grottamare stammt. Ganz oben auf der Hügelspitze steht der Dom Santa Maria Assunta (Maria Himmelfahrt). Eine lange Zypressenallee führt zur romanischen Fassade des Gotteshauses, das innen gotische Züge zeigt und barock ausgeschmückt wurde. Und von dort oben hat man einen wunderbaren Ausblick hinunter zum nahen Meer und über die idyllische Garten- und Dächerlandschaft von Fermo.

Ich wanderte die Gassen hinunter, die mit Steinplatten gepflastert an kleinen Gärten vorbeiführten, und kehrte zur Piazza del Popolo zurück. Im Palazzo degli Studi, bis 1826 Sitz einer Universität, befindet sich heute die städtische Bibliothek mit rund 400 000 Bänden. Zu verlockend war der gemütliche Charakter dieser Piazza. Ich kehrte auf ein Glas Wein in einer Bar am Platz ein. Der Besitzer diskutierte mit einer Signora, die offensichtlich ein Schulheft eines ihrer Kinder in Händen hielt. Und es dauerte nicht lange, bis sie mich fragte, ob ich denn Englisch könne. „Ei doch ja“, erwiderte ich – und schon durfte ich die Hausaufgabe der Tochter auf Rechtschreibfehler prüfen.

Na ja, Rechtschreiben im Englischen war nie meine Stärke. Also versuchte ich dies der Signora und dem Besitzer der Bar zu erklären. Der Besitzer, froh darüber, dass die Signora ein anderes Opfer gefunden hatte, zog sich in den hinteren Bereich der Bar zurück. Ich blieb. Doch irgendwann ging die Signora heim – und ich kehrte zu meinem Auto zurück.

5. Tag

Was fehlte mir jetzt noch bei meinem ersten „Streifzug durch die Marken“? Zunächst einmal das „Fliegende Haus von Loreto“. Unübersehbar thront die mächtige Kuppelbasilika „Santuario della Santa Casa“ auf einem Hügel gleich neben der Autobahn. Der Legende nach steht in ihr das Haus der Maria aus Nazareth – jenes, in dem Maria geboren wurde, in dem die Verkündigung geschah und in dem Jesus aufwuchs. Bei seinem „Flug“ aus dem Heiligen Land hierher soll es mehrere „Zwischenlandungen“ hinter sich gehabt haben, bevor es in Loreto seine neue Heimat fand. Fest steht jedenfalls, dass die Madonna von Loreto heute die Schutzpatronin der Luftfahrt ist.

Polizisten überall – sie regeln den regen Pilgerstrom, der vor allem in Bussen herangekarrt wird. Ich schreite durch ein Tor und sehe sogleich gegenüber ein weiteres. Natürlich musste ich auch von dort einen Blick werfen und sah von jenem aus Osimo, den Monte Conero und die Hafenanlagen Anconas. Zwischen den beiden Stadttoren führt eine lange Straße, gesäumt von Bars und Andenkenläden, zum weitläufigen Platz vor der eindrucksvollen Basilika. Pilgergruppen mit Kranken unter ihnen, mit an Rollstühlen gebundenen Menschen, standen vor der Basilika für ein Gruppenfoto.

Im Inneren des gewaltigen Kirchenbaus folgte ich dem Strom der Pilger zum Santuario della Santa Casa. Es ist ein kleines, unscheinbares Steinhaus, außen vollständig mit Marmor verkleidet, im Inneren jedoch noch in seinem Originalzustand belassen. Geduldig reihe ich mich in die Schlange der Wartenden ein und stehe dann ein paar Augenblicke in dem kleinen Raum, bevor ich auf der anderen Seite wieder hinausgeschoben werde.

Da ich mich bereits auf der Heimreise befand, wollte ich eine Kerze spenden – zum Dank dafür, wieder eine wunderbare Ecke Italiens kennengelernt zu haben und in der Hoffnung, bald schon wieder in die Marken zu fahren. „Ein Euro“, stand am Schild, koste die „kleine“ Kerze. Ich nahm also diese aus dem Schacht heraus … und nahm sie heraus … und nahm sie heraus – schier kein Ende wollte sie nehmen. Einen guten Meter lang war sie schließlich, als ich sie endlich ganz in Händen hielt.

Ich grinste: Eine „kleine“ Kerze wollte ich spenden – und nun stand ich mit einem Meter Wachs in den Händen da und wusste gar nicht, wo ich sie anzünden konnte. Denn weit und breit war nichts dafür zu sehen. Aber ich schlaues Kerlchen hatte beobachtet, wo sich die Sakristei befindet – am anderen Ende der Basilika. Also, mit einem Meter Wachs bewaffnet, ging ich nochmals durch die ganze Basilika in die Sakristei, wo ich dann auch die gewünschte Auskunft erhielt.

Nach dieser netten Episode brachte mich eine kurze Autobahnfahrt nach Fano, einem Städtchen am Meer, das noch über eine schöne Altstadt verfügt. Eine Stadt, die alles im Kleinformat hat: Häuser, Plätze, Straßen und Sehenswürdigkeiten. Gleich vorweg – dort fand ich ein Fischrestaurant, in dem ich einmalig gut Fisch gegessen hatte!

Fano ist so eine Stadt, in der der kultur­beflissene Tourist gleich einmal ausruft: „Und was schauen wir uns da an?“ – „Nix, a italienisches Dörfl“ (55 000 Einwohner, zum Zeitpunkt meiner Reisen Anfang der 2000er‑Jahre). Und weg sind sie, die abhakend durch die Welt ziehenden Touristen. Nicht so jene, die das echte Italien lieben.

Kaiser Augustus lässt gleich beim Eingang in die Altstadt durch einen Bogen grüßen. Unmittelbar dahinter steht das mittelalterliche Waisenhaus der Stadt. Am Tag meines Besuches präsentierte es sich wegen eines Blumenfestes farbenfroh mit Blumenständen unter der Loggia – sehr stimmungsvoll. Nur ein paar Schritte weiter die Kathedrale, eine interessante Mischung aus verschiedenen Baustilen. Und über den Corso Matteotti, der die Stadt quert, bis hin zur Piazza XX Settembre mit dem Palazzo Malatestiano – überall Blumen, Blumen, Blumen und nochmals Blumen.

Ich wanderte noch ein wenig durch diese reizende Kleinstadt mit absolut italienischem Flair, bis ich das eingangs erwähnte Fischlokal entdeckte.

Als letzte Station meiner Reise durch die Marken hatte ich Urbino geplant. Urbino gilt als die vollkommenste Frührenaissancestadt Italiens – mit sehenswertem Dom und mächtigem Herzogspalast. Auch diese Stadt liegt nicht an den großen Verkehrsstraßen und konnte sich so eine gewisse Beschaulichkeit bewahren. Als Universitätsstadt beherbergt sie zudem viele junge Menschen. Ihre städtebauliche Schönheit verdankt die Stadt Herzog Federico, der im 15. Jahrhundert hier lebte. Er ließ den mächtigen Palast errichten, der damals bereits einen unvorstellbaren Luxus aufwies: Es gab unter anderem Heißwasserleitungen, einen Eiskeller und Lastenaufzüge für die Küchen. Zwei der bedeutendsten Künstler der Renaissance sind in Urbino zur Welt gekommen: Raffael (*1483, †1520), neben Michelangelo und Leonardo da Vinci einer der bedeutendsten Maler seiner Zeit, und Bramante (*1444, †1514), der Baumeister des Petersdoms.

Und genau in diesem Herzogspalast war am Tag meiner Besichtigung „Tag der offenen Tür“ – gratis Eintritt. Also nutzte ich – nach vier oder fünf Besuchen in Urbino, ohne je den Palast von innen gesehen zu haben – diese Gelegenheit. Zunächst besuchte ich die oberen Stockwerke, in denen man zahlreiche Gemälde und Kunstgegenstände sehen konnte. Dann aber ging ich in die Tiefen dieses mächtigen Gebäudekomplexes hinunter: in die Stallungen, Küchen- und Lagerräume. Gewölbe von riesigem Ausmaß taten sich dort auf; flache Steintreppen dienten schon früher zum leichteren Transport mittels Eseln dorthin.

Nach diesem Kulturtrip kam eine „Bergsteigerei“: zunächst wieder vom Palast hinunter zur Piazza Repubblica; unten und doch wieder oben – vom Parkplatz aus betrachtet, denn auch Urbino liegt auf Hügeln, auf zwei, vielleicht auch mehreren. Auf jeden Fall ging ich dann wieder steil hinauf (eisig darf’s da im Winter nicht werden), auf den Gegenhang. Schnaufend oben angekommen, wurde ich belohnt: Das auf unzähligen Fotos abgebildete Stadtpanorama lag vor mir – Altstadt – Herzogspalast.

Den stilvollen Abschluss meiner Reise bildeten zwei Erlebnisse: Nummer eins ein absolut super Abendessen in einer Trattoria in der Altstadt – eng bestuhlt, voll besetzt, die ganze Familie im Einsatz. Zu später Stunde wanderte ich dann noch durch die beleuchteten, aber stillen Gassen hinunter zum Parkplatz.

Nummer zwei ereignete sich dann während meines Schlafes: ein Stromausfall in ganz Italien, angeblich wegen eines E‑Werk‑Ausfalls in Frankreich – wir leben halt in der EU!

Im Internet habe ich noch eine sehr informative deutschsprachige Seite über die Region Marken entdeckt: Marche Voyager – Der Reiseführer für die Marken